

BRAZIL
Gerald Benesch

Ja, den Zuckerhut gibt es, wenn auch mit einer klobigen Seibahnstation oben drauf. Am ersten Tag gleich mit dem Leihrad die Nachbarstrände Copacabana und Ipanema besucht, in den Nebenstrassen die Klasse des Lebens hier, die Fokussierung auf das bunte Strandleben als Lebensbaustein entdeckt. Und am zweiten Tag schon eine typische Strassenparty, mit dem gruppendynamischen Tanz „Baille-Charme“ versucht mitzuschwingen, in den vorgegebenen Schritten - zu wunderbar kitschiger Discofunk-Musik der 80er und 90er.
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Die Mausmatratze
In der Altstadt, vor allem rund um die Touristenlokale sind andauernd Männer mit grossen, schwarzen Haushalts-Müllsäcken auf der Suche nach den zahlreichen weggeworfen Bierdosen. Was bei uns ein inzwischen für einige tatsächlich lohnendes Sammeln ist, wird hier nur nach Metall und Gewicht entlohnt. Entsprechend ziehen die Männer dann die ganze Nacht umher und schlafen tagsüber auf Gehsteigen, in verlassenen Hauseingängen, auf Pappkartons. Natürlich kommt es dabei auch zu besonderen Fundstücken, die irgendwo in ihrer Welt auch einen Wert haben. Hier, vor der Nachbarschaftsbar an der Ecke kommt ein junger, mäßig verwahrloster Mann vorbei, der eine Matratze schultert. Damit sie in der gerollten Form bleibt, hat er sie mit etwas zusammengebunden - einer schwarzen Schnur?
Nein, das dranhängende fette Ende ist eindeutig eine Computermaus an ihrem Kabel.
Candomblé und Voodoo...
...sind zwar verwandt, aber sie haben sich in unterschiedlichen Ländern und Kulturen ziemlich verschieden entwickelt. Beide Religionen stammen ursprünglich aus Westafrika, besonders aus Gebieten wie dem heutigen Benin - und wurden durch die Versklavung afrikanischer Menschen in die Neue Welt gebracht. In Benin ist der Voodoo (oder Vodun) die ursprüngliche, traditionelle Religion – dort wird er bis heute ganz selbstverständlich praktiziert. Die Geister, die man ehrt, heißen dort „Vodun“, die Rituale drehen sich stark um Naturkräfte, Ahnen und Heilung. In Haiti hat sich daraus der haitianische Voodoo entwickelt – eine Mischung aus afrikanischen, katholischen und erhaltenen einheimischen Elementen. Viele Geister bekamen dort neue Gestalten und Namen, etwa indem sie mit katholischen Heiligen verschmolzen.
Candomblé wiederum entstand in Brasilien, besonders im Staat Bahia. Er basiert ebenfalls auf afrikanischen Wurzeln – vor allem Yoruba-Traditionen. Auch hier vermischen sich afrikanische Götter (die Orixás) mit katholischen Einflüssen. In Brasilien spielen im Candomblé die Orixás eine zentrale Rolle, göttliche Wesen die Naturkräfte und menschliche Eigenschaften verkörpern. Hier sind fünf der bekanntesten: OXALÁ – Er gilt als der „Vater“ aller Orixás, steht für Frieden, Weisheit und Schöpfung. Meist trägt er Weiß, weil das Reinheit und Ruhe symbolisiert.
IEMANJÁ – Die Königin des Meeres. Sie beschützt Familien, Mütter und Kinder. Am Neujahrstag bringen viele Brasilianer ihr Blumen und kleine Geschenke ans Meer. OGUM – Der Kämpfer und Schutzpatron der Arbeiter. Er ist der Orixá des Eisens, der Technik und des Fortschritts – also ziemlich modern für einen Gott aus alten Zeiten. XANGÔ – Der Herr des Donners und der Gerechtigkeit. Er liebt Macht, Wahrheit und gutes Essen. Seine Anhänger sagen, er sorgt dafür, dass Ungerechtigkeit bestraft wird. OXUM – Die Göttin der Süßwasserflüsse, der Liebe und der Schönheit. Sie steht für Weiblichkeit, Sanftheit – und ein bisschen Luxus.
Zusammen zeigen diese, wie vielfältig der Candomblé ist: stark, sinnlich, spirituell und tief mit der Natur verbunden. In der Tradition glaubt man, dass jedes Lebewesen eine Lebensenergie hat, genannt Axé. Wenn ein Tier geopfert wird – meist Hühner, Ziegen oder Tauben – geht diese Energie an den Orixá, um Dankbarkeit zu zeigen, um Schutz oder Heilung zu erbitten oder um ein Versprechen einzulösen. Das Ganze passiert mit viel Respekt und nach genauen religiösen Regeln.
Das Fleisch wird in der Regel nicht verschwendet. Nach der Zeremonie wird es gekocht und mit der Gemeinschaft geteilt – das Opfer hat also auch eine soziale Bedeutung.
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Eine Bereitschaft den Abend sanft, bunt und laut und genussvoll anzugehen - das ist Rio! Da spielen dann schrill kostümierte Blaskapellen Discohits oder Sambaklassiker an öffentlichen Plätzen, an fixen Tagen oder im Rahmen dieses Blasmusikfestivals. Stände mit Fastfood, Caipirinhas und Bier rahmen das Ganze ein, die Stunden vergehen mit Tanzen und Lachen. Stelzengehende Elfen sind die Norm! Zweimal ums Eck bei einem Bar-Kiosk dann eine Roda de Samba - fünf Musiker mit Mandoline, Geige und Percussion sitzen an einem Tisch und spielen im Stil nördlicher Bundesstaaten. Dahinter ein DJ für später. Um Mitternacht ist alles vorbei, leider.
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Turbulente Geschichte(n)
Nach der Ankunft der Portugiesen 1500 – der „Entdeckung“ durch Pedro Álvares Cabral – wurde Brasilien Teil des portu- giesischen Kolonialreichs. Über drei Jahrhunderte blieb es eine Kolonie, geprägt von Zuckerrohrplantagen, Sklaverei und der Ausbeutung indigener und afrikanischer Bevölkerung. 1808 floh die portugiesische Königsfamilie vor Napoleons Truppen nach Rio de Janeiro, was Brasilien erstmals politisch aufwertete. 1822 erklärte Dom Pedro I. die Unabhängigkeit und wurde Kaiser des neuen Kaiserreichs Brasilien – einer konstitutionellen Monarchie, die bis 1889 bestand.
Nach einem Militärputsch wurde die Monarchie abgeschafft und die Erste Republik (1889–1930) ausgerufen – ein föderaler Staat mit starkem Einfluss regionaler Oligarchien. Eine „Kaffee mit Milch“-Politik zwischen São Paulo und dem Bundesstaat Minas Gerais.
1930 übernahm Getúlio Vargas durch einen Staatsstreich die Macht. Seine Herrschaft führte zum autoritären Estado Novo (1937–1945), einer Diktatur mit Zensur, Nationalismus und zentraler Kontrolle. Nach seinem Sturz kehrte kurzzeitig die Demokratie zurück, die bis 1964 Bestand hatte, geprägt von wirtschaftlicher Modernisierung und politischen Spannungen.
1964 putschte das Militär – damit begann eine Militärdiktatur bis 1985. Sie schaffte Parteienvielfalt und Bürgerrechte weitgehend ab, führte Zensur und Folter ein, rechtfertigte ihr Regime jedoch als „nationale Sicherheit“. Zugleich verfolgte sie ehrgeizige wirtschaftliche Projekte und trieb Industrialisierung und Infrastruktur voran, oft mit sozialer Ungleichheit als Folge. Ab 1979 begann eine vorsichtige „Abertura“ (Öffnung), die schließlich zur Rückkehr zur Demokratie führte.
1985 wurde Tancredo Neves indirekt gewählt (starb jedoch vor Amtsantritt), sein Vize José Sarney übernahm das Amt. Seitdem ist Brasilien eine föderale präsidentielle Republik, mit demokratischen Wahlen und einer Verfassung von 1988, die Grundrechte, Pressefreiheit und Gewaltenteilung garantiert. Trotz Krisen, Korruption und Machtwechseln – von Lula da Silva bis Bolsonaro – blieb die Demokratie formal bestehen. Die Militärdiktatur von 1964 bis 1985 gilt bis heute als die klarste diktatorische Phase in Brasiliens moderner Geschichte.
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Der erste Eindruck von Salvador dr Bahia gilt der Architektur. Am Rande des alten Stadtviertels Pelaurinho treffen sich verkommene Bürgerhäuser mit Barockkirchen, Glas&Beton-Wohnbauten der 60er. Dazwischen eine Gasse mit Früchtemarkt, ausgehöhlte, innen einstürzende Prachtbauten des 19.Jhdts und dann die renovierten alten Gassen voller Touristen und deren Shops, Unesco-Kulturgut.
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Die Filhos de Gandhy
Die „Söhne Gandhis“ sind eine legendäre Karnevalsgruppe aus Salvador da Bahia, die 1949 gegründet wurde. Entstanden ist sie aus einer Gruppe von Hafenarbeitern, die sich nach dem Krieg von Mahatma Gandhis Friedensbotschaft inspirieren ließen.
Sie wollten etwas Neues schaffen: eine Gruppe, die im Karneval nicht einfach nur feiert, sondern auch für Frieden, Würde und die afrikanischen Wurzeln der schwarzen Bevölkerung Bahias steht.
Ihr Auftritt ist bis heute unverwechselbar. Diese Männer tragen weiße Gewänder und Turbane, die an indische Kleidung erinnern, und schmücken sich mit blauen und weißen Perlen – den Farben des Candomblé-Gottes Oxalá, der für Reinheit und Frieden steht.
Wenn sie durch die Straßen ziehen, ist das mehr eine feierliche Prozession als ein lauter Umzug – begleitet von Trommeln, Gesängen und dem typischen Afoxé-Rhythmus, der tief in afrikanischen Traditionen verwurzelt ist.
In den 1950er-Jahren waren die Filhos de Gandhy ein echtes kulturelles Statement. Sie brachten Spiritualität, Stolz und afrikanisches Erbe mitten in den Karneval und wurden damit zum Vorbild für viele spätere afrobrasilianische Gruppen. Bis heute gehören sie zum Herz des Karnevals in Salvador – ruhig, stark, voller Symbolik – ein lebendiger Ausdruck von Identität und Frieden.
Aus dieser Bewegung entstanden später weitere Blocos Afro, die den Stolz auf afrikanische Wurzeln in den Karneval trugen: Ilê Aiyê mit farbenprächtigen afrikanischen Gewändern und starkem Black-Power-Selbstbewusstsein, Olodum mit seinen bunten Kostümen und mitreißendem Samba-Reggae, Malê Debalê mit historischen, an afrikanische Könige erinnernden Kostümen, und Muzenza, die traditionelle Motive mit moderner Street-Ästhetik verbinden.
Afrika lebt in Salvador de Bahia ein zweites Leben.
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Rio war ewig Verwaltung und Strandkultur. Salvador de Bahia war Sklaverei, deren Produkte und die Verschiffung davon, voll der Kultur die afrikanische Einflüsse hier entstehen liessen: Capoeira, der Kampfstil der sich als Tanz tarnt, Samba und Candomble, die Mischreligion aus christlichen und afrikanischen Elementen. Aber immer wieder Samba: ein Gefühl von Leichtigkeit in Schritt und Kopf.
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Momente...1
Während in der frisch renovierten, marmorgetäfelten Barock-kirche des alten Viertels Santo Antonio abends das Glaubensbekenntnis gesungen wird, erklingt das brasilianische, eigentliche, links von der Haustür, in der Bar daneben, in Form des Samba.
Momente...2
Um der leidigen Frage, ob man das Glas als halbleer oder halbvoll sieht, vielleicht zu entgehen, greift ein schon gut betrunkener Mann am Nebentisch zu seiner eigenen Methode: Er sitzt auf einem kleinen Platz in der Altstadt und trinkt Bier aus einem Plastikbecher. Nach jedem Schluck füllt er diesen aus der Flasche wieder bis zum Anschlag voll.
Momente...3
Auf den kleinen, steilen Gassen welche die Hochstadt mit tiefer gelegenen, verfallenden Teilen des Pelaurinho-Stadtteiles verbindet, erschreckt mich ein junger Mann der plötzlich hinter mir auftaucht und im Vorbeigehen anscheinend mein Tattoo cool findet. In Schlappen und einer Art Badehose bekleidet sehe ich jetzt von hinten dass er eine elektronische Fußfessel trägt…
Momente...4
Der kleine lokale Friseur ist der weltweit übliche Treffpunkt für reife Herren die sich unterhalten wollen. Die Rasur mit der elektrischen Maschine die der glatzköpfige Mann mit diversen Piercings im Gesicht macht - der vermutlich nur ein Freund des Friseurs ist - erfolgt relativ gleichmäßig.
Zwischendurch wird mir klar, dass anscheinend auch hier Friseure aus schwarzgeldtechnischen Gründen nur mit Cash zu bezahlen sind. Dass ich nichts dabei habe, kann ich dank Google Translate klarmachen, biete aber an im Geschäft gegenüber etwas zu kaufen das den 15 Reales, also 2,5 € entspricht.
Mein Raseur kommt kurz mit hinüber, weist auf eine Packung Kaffee die den Wert entspricht - und so haben wir uns schulterklopfend und Hände schüttelnd auf diese Form der Bezahlung geeinigt!
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In den letzten Jahren ist in Salvador zur Stärkung der afrobrasilianischen Identität und der Frauenbewegung eine starke weibliche Percussion-Szene entstanden.. Maracatu-Gruppen haben einen ganz eigenen Rhythmus, der kraftvoller und „erdiger“ ist als Samba - ein elegantes einstimmiges Trommel-Erdbeben. Kongo-angolanische Traditionen sind das, basierend auf den Bruderschaften der afrikanischen Diaspora und auf religiöse Rituale, die sich im Bundesstaat Pernambuco während der Kolonialzeit entwickelten.
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Momente...5
Auf dem Weg zum Supermarkt in dem Viertel in dem es laut meinem AirBnb-Host abends auch um Crack geht, kommt mir in einer schmalen Gasse auf dem Gehsteig zu hier überall irgendwo hörbarer Musik ein junger Mann, mich quasi zum Mittanzen einladend, mit Sambaschritten entgegen.
Irgendetwas daran irritiert mich und ich will zwischen Autos auf die Straße ausweichen. Gleichzeitig sehe ich rechts eine Dame in der Art und Aufmachung, sich die Haare bürstend, im Toreingang stehend, die mich sofort an ein Bordell denken lässt. Der Bursche winkt mich aber lächelnd an sich vorbei und als ich mit ihm auf gleich bin, tippt er blitzschnell mit zwei Fingern an meine Sonnenbrille. Ein halblustiger Hinweis darauf, dass er sehr wohl auch andere Absichten gehabt haben könnte…
2x Tatar bitte!
Essen und Trinken sind Notwendigkeiten - aber auch die Möglichkeit zum Genuss. Und den bevorzuge ich! Nachdem ich gerne koche und auch hier in Rio im AirBnb schon mal Avocados und ein schönes Stück Filet anbriet oder in den Straßenständen und Lokalen einiges an Frittiertem verspeiste, gönne ich mir am letzten Abend vor dem Weiterflug nach Bahia Besonderes.
Leblon ist das Nobelviertel am westlichen Ende von Ipanema, exklusive Shopping Malls und feine Restaurants der Standard. Das NOA ist an einer Kreuzung mit drei anderen toll designten Lokalen das mich am meisten ansprechende, die Speisekarte nach meinem heutigen Gusto. Bei den Vorspeisen finde ich Tatar von Fisch und solches von Rindfleisch. Sicher eine ungewöhnliche Wahl aber eine lohnende!
Der happengross geschnittene Fisch mit einer gewissen Schärfe, einem Stück würziger Kräuterbutter und einer dünnen frittierten Oblate als designte Spachtel ist schon phänomenal frisch, die beiden Teller verschieden geformte, grobe Keramik. Das Fleisch ist sehr fein mit dem Messer geschnitten, nicht die europäischen Vorgaben und Chichi nachbetend, also ohne Kapern und Ei von der Wachtel. Und trotzdem ein würziges Tatar! Brasilien ist der größte Exporteur von Rindfleisch weltweit, also ist ein bisschen Eigensinn erlaubt.
Ein Chardonnay aus Chile und ein Malbec aus Argentinien ergänzen wunderbar die beiden beglückenden Speisen. Am Tisch daneben sitzen junge noble Damen die sich schon mal versehentlich zu viel bestellen und es sich dann im doggy bag mitgeben lassen.
Von wegen to-go: Im 19. Jahrhundert kursierte in Frankreich die Vorstellung, dass die mongolisch-tatarischen Reiter ihr Fleisch roh unter dem Sattel weichritten, um es unterwegs leichter essen zu können. Daher der Name für diese rohe Speise.
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Meine Tage gehören dem Erkunden des architektonischen Stilmixes von Salvador de Bahia, den oft leerstehenden Privathäusern der Jahrhundertwende, den loftartigen Umbauten von AirBnbs, den Ecklokalen im Viertel mit Käsebällchen und Bier, den Familien die dort für eine Tauffeier das Essen inkl. Wärmeplatte mitnehmen. Die Abende gehören dem Flanieren durch die Gassen, dem Verweilen bei einem Caipirinha in einer Bar mit lauter Sambamusik, dem Beobachten der Nachtschwärmer, der Altmetallsammler an den Mistkübeln...
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AFROPUNK ist eine Festivalserie professionellster Art, mit diversen Selfiestationen, oft in Verbindung mit Produkt promotions. Die Musik kommt live auf grossen Open-Air-Bühnen von brasilianischen Popstars, von modernem Sambaeinflüssen. Die Hauptatraktion sind aber die Besucher hier in Salvador de Bahia, wunderbare Selbstinszenierungen, genderüberschreitend, bunt und irgendwie selbstverständlich! Liniker, die transsexuelle Grande Dame des Landes wird Tage später den Hispanic Grammy für ihre Musik in Las Vegas abholen.
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Das 1. Artivist-Statement
Durch Zufall komme ich zu Veranstaltungen eines weltweiten Movements. Der zweiten Veranstaltung dieser Art, im Vorjahr war sie in Südafrika. 300 Menschen aus der ganzen Welt sehen sich als Aktivisten, Motivatoren die durch Kunst - im weitesten Sinne und Aktionen damit - am Weltgeschehen rütteln wollen. Spannende Vorträge, Sprecher, Mentoren, Aktivisten auf den Bühnen und bei den Teilnehmern. Hier eines der Manifeste:
„Was wäre, wenn die Zukunft in unseren Vorfahren läge?
Während der Kolonisierung dieses Gebiets, das wir heute Salvador und Bahia, nennen, erlitten die indigene Bevölkerung und die versklavten Afrikaner einen Holocaust, der von brutaler Gewalt, Vertreibung und unvorstellbarer Entmenschlichung durch die Kolonisatoren geprägt war. Ihrer Autonomie, Sicherheit und Würde beraubt, schlossen sich diese Vorfahren auf diesem Land zusammen und vereinten Wissen, Spiritualität und Kreativität, um neue Strategien des Überlebens, des Widerstands und der Transzendenz zu entwickeln. Pelourinho, das historische Herz von Salvador, war der Ort, an dem versklavte Afrikaner zusammengetrieben, gehandelt und bestraft wurden.
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Heute ist es pulsierendes Zentrum der afrobrasilianischen Kultur mit ihrer Musik, ihrem Tanz und ihrer Kunst, die Freude ausstrahlen, ohne die Vergangenheit zu vergessen. Weltweit führen heute verschiedene Diaspora-Gemeinschaften dieses Erbe fort. Durch Kunst entwickeln sie wirkungsvolle Überlebens- und Widerstandsstrategien, die ihren eigenen Gemeinschaften tiefgreifend zugänglich sind, aber oft unsichtbar und unerreichbar für die Systeme bleiben, die sie unterdrücken wollen.
Was wäre, wenn wir aus diesen alten und wirksamen Techniken schöpfen könnten, um neue Strategien für unsere Zeit zu entwickeln? Was wäre, wenn wir uns kreativ über Grenzen und historische Grenzen hinweg verbinden könnten? Was wäre, wenn Strategien aus verschiedenen Kulturen und Regionen sich gegenseitig ergänzen und neue Wege des Handelns, des Überlebens und der Heilung gestalten könnten? Diese Fragen werden unsere Erfahrungen prägen.“
Und der Oscar für Architektur geht an...
Oscar Niemeyer (1907–2012) war so etwas wie der Rockstar der brasilianischen Architektur. Er hat das Bild von Brasilien mit seinen geschwungenen, eleganten Bauten geprägt wie kaum ein anderer. Besonders bekannt ist er für Brasília – die futuristische Hauptstadt, die in den 1960er-Jahren mitten im Nichts entstand. Viele der berühmten Gebäude dort, etwa der Palácio da Alvorada oder die Kathedrale von Brasília, stammen aus seiner Feder.
Niemeyer liebte Kurven – für ihn spiegelten sie das Leben, die Natur und den menschlichen Körper wider. Statt steifer, kantiger Formen setzte er auf fließende Linien und eine fast sinnliche Leichtigkeit. Dabei zeigte er, dass moderne Architektur nicht kalt und technisch sein muss, sondern auch voller Emotion und Fantasie stecken kann. Seine Ideen haben nicht nur die Architektur, sondern auch das brasilianische Design insgesamt beeinflusst. Niemeyer machte klar: Kreativität und Lebensfreude gehören genauso zum Bauen wie Beton und Stahl.
Er war sein ganzes Leben lang überzeugter Linker und Kommunist. Als die Militärs 1964 an die Macht kamen, geriet er sofort ins Visier: Sein Büro wurde durchsucht, er verlor Stellen an der Uni - und 1965 trat er aus Protest zusammen mit vielen anderen Professor*innen zurück. Kurz danach ging er sogar ins Exil nach Paris. Dort baute er unter Wenigem anderen auch das geschwungene Gebäude für die Kommunistische Partei Frankreichs. Mit 104 starb er, hatte mit 94 nochmals geheiratet.
Der Grund, warum manchmal seine Politiknähe hinterfragt wird: Viele seiner berühmten Gebäude in Brasília standen zwar auch während der Diktatur. Aber gebaut wurden sie vorher, in der demokratischen Ära von Präsident Kubitschek. Die Militärs haben seine markante Architektur einfach weiter genutzt, aber Niemeyer hat sie nicht unterstützt - er war definitiv kein Fan der brasilianischen Militärdiktatur und schon gar kein Faschist.
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Oscar Niemeyer hatte anscheinend eine Jahrhundertbegabung und nutzte eine Jahrhunderchance: Wer kann sich schon bei der Gestaltung wichtiger staatstragender Gebäude mit freier Hand austoben, neue Techniken im Beton- und Glasbau rigoros an ihre Grenzen bringen? Und gleich auch noch deren Möblierung mit radikalen Entwürfen und der eigenen Tochter als Partnerin vorantreiben? Wer kombiniert das mit der Grandezza von Burle Marx (ja, ums Eck verwandt) der die Bauten mit grosszügigen Gärten umgibt, mit Wasser und Dschungel, mit gewundenen Wegen und immerreifen Mangobäumen?
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Três Carros

An sich sind mir Autos relativ wurscht, aber interessant finde ich, dass VW (tlw. mit Partnern) sich den Spass leistete in Brasilien aus der europäischen Produktlinie auszubrechen:
Diese drei Brasilien-Klassiker könnten unterschiedlicher kaum sein: Der VW Saveiro ist immer noch der treue Lastesel des Landes – kein Glamour, aber immer bereit, noch eine Palette Ziegel aufzupacken. Der VW SP2 dagegen ist der schöne, aber etwas untrainierte Sportwagen-Cousin. Er sieht nach „Rio/Beach“ aus, fährt aber eher wie ein „gemütlicher Sonntagsbrunch“.
Und der Puma GT 1600? Der kleine freche Exot, der so tut, als wäre er ein Mini-Porsche – leicht, laut und immer ein bisschen drüber. Zusammen ergeben sie ein wunderbar schräges Trio brasilianischer Auto-Kultur: praktisch, hübsch und herrlich eigenwillig.
Carioca!
Der Carioca-Lifestyle bezieht sich auf die besondere Lebensart der Menschen in Rio de Janeiro. Er ist fast zu einem kulturellen Symbol geworden, das weit über die Stadt hinaus bekannt ist.
Und darum geht es:
LEBENSFREUDE UND LEICHTIGKEIT Cariocas gelten als optimistisch, humorvoll und spontan. Sie genießen das Leben, selbst im Alltag. Das Motto lautet oft: „Leveza“ – also Leichtigkeit. Probleme werden nicht verdrängt, aber mit einer positiven Haltung betrachtet.
NÄHE ZUR NATUR Das Leben in Rio ist stark vom Meer, den Bergen und dem tropischen Klima geprägt. Strände wie Copacabana oder Ipanema sind nicht nur Orte zum Sonnenbaden, sondern echte soziale Treffpunkte. Viele Cariocas verbringen dort täglich Zeit – beim Schwimmen, Surfen, Beachvolleyball oder einfach beim Reden und Musik hören.
KÖRPERBEWUSSTSEIN UND STIL Körperpflege, Mode und Auftreten haben eine große Bedeutung. Der Carioca-Stil ist meist lässig, leicht und sinnlich, oft in bunter Kleidung, mit offenen Schuhen und natürlichen Stoffen.
Der Soundtrack dafür ist eindeutig „The Girl from Ipanema“. Dieses weltweit bekannte Lied, musikalisches Abbild brasilianischen Lebensgefühls, entstand entstand Anfang der 1960er-Jahre in Rio de Janeiro, mitten in der goldenen Ära der Bossa Nova. Die Komponisten Antônio Carlos Jobim und Vinícius de Moraes saßen oft im Café Veloso im Stadtteil Ipanema, einem beliebten Treffpunkt für Künstler und Musiker. Eines Tages fiel ihnen ein junges Mädchen auf, das regelmäßig am Café vorbeiging – groß, sonnengebräunt, mit einem eleganten, natürlichen Gang.
Dieses Mädchen hieß Heloísa „Helô“ Pinheiro. Sie war damals 17 Jahre jung und auf dem Weg zum Strand, ohne zu ahnen, dass sie zur Muse eines Welthits werden würde. Jobim und de Moraes waren so fasziniert von ihrer Ausstrahlung, dass sie ein Lied über sie schrieben – eine Hymne an die jugendliche Schönheit, Leichtigkeit und Sehnsucht nach dem flüchtigen Moment. 1964 wurde „Garota de Ipanema“ in der englischen Version „The Girl from Ipanema“ von Astrud Gilberto und Stan Getz weltberühmt und gewann einen Grammy.
Das Lied steht bis heute für den Sound und das Lebensgefühl des brasilianischen Sommers – ein Stück Melancholie, verpackt in weichen Rhythmen und sanften Melodien. Und Helô Pinheiro? Sie blieb für immer das „Mädchen aus Ipanema“, inzwischen über 80 Jahre alt.
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Ach, Rio, Du wunderbare Melange aus Reichtum, Armut, Palmen und Sandstrand! Surfer und Bodybuilder, flanierende oder joggende Pensionisten, Statuen von Musikern, Surfer in Warteposition auf die grossen Wellen. Eine Mischung die weich und fliessend ist wie der Samba, entspannt und gleichzeitig aufregend in der Mischung: Die gefährliche Favela am Ende des Strandes, die Empfehlung nach 22h nur in gut besuchten Gassen zu gehen, Touristenströme neben verkommenen Gassen mit Suchtkranken.
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Brasilia hat neben der technischen Perfektion einer struktutierten Stadt von fast drei Millionen Einwohnern viele Orte die den Kleinigkeiten menschlichen Lebens entgegenkommen. Da gibt es den Amusementpark à la Prater, den Markt voller Handwerksstände und Holzmöbel die zum Verkauf in der Wiese daneben stehen - und in der Mitte ein Pavillon mit dem samstäglichen „Café Samba“ das eigentlich eine Party ist - mit Bier statt Kaffee schon vormittags. Und immer wieder das von Burle Marx in den 60ern inszenierte Stadtgrün!
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Eskapismus bis Exil...
Der leichte, fließende Sound, der das brasilianische Lebensgefühl der 1960er- und 1970er-Jahre prägte, war auch eine Art kulturelle Strategie, um in einer schwierigen politischen Zeit nicht unterzugehen. Nach dem Militärputsch von 1964 herrschte in Brasilien eine Diktatur die Oppositionelle verfolgte und die Meinungsfreiheit stark einschränkte. Viele Musiker und Künstler mussten sich entscheiden, ob sie offen kritisch sein oder ihre Gefühle subtiler ausdrücken wollten.
Der Bossa Nova – weich, elegant, unaufdringlich – bot dabei eine Art Flucht in Schönheit und Ästhetik. Seine zurückhaltende Art zu singen, die leichten Harmonien und die poetischen Texte wirkten wie ein Gegenentwurf zur Härte der politischen Realität. Der „sanfte Ton“ war kein Zufall, sondern eine Taktik des Überlebens: Man konnte melancholisch, ironisch oder träumerisch sein, ohne direkt anzuecken.
Gleichzeitig entstand eine zweite Musikerszene – mit Künstlern wie Chico Buarque oder Caetano Veloso –, die versuchten, zwischen Poesie und versteckter Kritik zu balancieren. So wurde die Musik jener Jahre ein Ventil für Sehnsucht, Schmerz und Hoffnung – und ihre Leichtigkeit war oft nur die Oberfläche einer tieferen Melancholie.
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Carmen und Nana
Als ich mir auf den Stufen der kleinen neugotischen Kirche Nossa Seniora da Pas den Sand vom Spaziergang am Strand von Ipanema von den Füssen wische, spricht mich Carmen da Silva an. Eine kleine rundliche Dame mit 82 Jahren, die gleich erzählt dass ihre Tochter gerade in Wien war, von Schönbrunn begeistert.
Dann beginnt aber sofort ihre Biographie, die ein Leben in Amerika und England, drei Kinder und eine Trennung vom untreuen Ehemann in den Achtzigern kurz zusammenfasst. Ihre eigentliche Geschichte beginnt damit, dass sie als Kind mit vier Jahren zu lesen und schreiben begann, Französisch lernte und Ihrem Vater, „der alles hatte“, als Geschenk in dieser Sprache einen „Roman“ über das Leben in England schrieb. Ein hochsensibles Kind, das schon vor Tagesanbruch am Schreiben war und deswegen später zur Ausbildung an eine Journalistenschule in Paris geschickt wurde. Dann das Leben als Ehefrau und Mutter - und mit dem Schreiben war es vorbei.
Auch das nur eine Überleitung zum eigentlichen Thema: ihre hellseherischen Fähigkeiten, eine frühe Jesus-Erfahrung die sie mit grenzenloser Liebe erfüllte, Visionen von Attentaten und dem erahnten Brustkrebs der Haushälterin die sich als wahr herausstellten.
Einige Jahre in England lebend hatte sie mehrmals das klare Gefühl an den exakten Orten ihres frühkindlichen Romanes zu sein – aber an Wiedergeburt glaubt sie nicht, sehr wohl aber sehr liebevoll an Jesus.
Und dann kam der Punkt an dem sich unsere Wege trafen und der Kosmos tatsächlich in Ihrem Sinne wunderlich agierte: Von den Dutzenden berühmten Sängern Brasiliens die Bossa Nova in die Welt trugen, gibt es natürlich auch welche in der zweiten Reihe von denen man in Europa nie gehört hat. Eine ist Nana, die Tochter von Dorival Caymmi, einem der prägenden frühen Vertreter dieses Genres. Als ich das Gespräch zur Ablenkung auf die lokale Musik bringe, ist dies der Name den sie mit großer Begeisterung als ihren Liebling nennt. Ich erzähle ihr von meinem eigenen Fund dieses musikalischen Juwels vom Vorabend und wir beide haben Gänsehaut als wir uns dabei erstaunt die Hände reichen.
Ich bin ja ein grosser Verfechter der Theorie „Dont grow up, its a trap!“. Wenn ich an den letzten Tagen, beim zweiten Einstieg in Rio Zugang zu den Subkulturen der Blasmusikcombos bekomme, so ergänzt das ganz wunderbar die lackierten Bilder der Postkarten von Copacabana und Ipanema in meinem Kopf. Hier wird professionell bis fast erbärmlich schlecht mit Begeisterung musiziert: Posaunistinnen im glitzernden Badeanzug, Pauken&Trompeten in Freestyle-Kostümen, ein Publikum das den Kostümreigen begeistert ergänzt.
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Ich bin ja ein grosser Verfechter der Theorie „Dont grow up, its a trap!“. Wenn ich an den letzten Tagen, beim zweiten Einstieg in Rio Zugang zu den Subkulturen der Blasmusikcombos bekomme, so ergänzt das ganz wunderbar die lackierten Bilder der Postkarten von Copacabana und Ipanema in meinem Kopf. Hier wird professionell bis fast erbärmlich schlecht mit Begeisterung musiziert: Posaunistinnen im glitzernden Badeanzug, Pauken&Trompeten in Freestyle-Kostümen, ein Publikum das den Kostümreigen begeistert ergänzt.
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Ganz schön korrigiert...
An dem Strandbereich von Ipanema an dem fast 50 Männer und Frauen mit perfekten Körperformen zu treibenden Beats eindeutig sehr schwere Kettlebells rhythmisch schwingen joggt eine Dreiergruppe von Frauen an mir vorbei. Alle in den Vierzigern, alle in verschwitzten Sportoutfits. Eine sticht hervor, eigentlich sticht etwas an ihr hervor: ihre Nase ist nicht von Gott gemacht, eindeutig ist sie postnatal geformt und eindeutig zu gross geraten, wie aufmontiert.
Brasilien gilt als das Land der Schönheits-OPs – und das nicht ohne Grund. Kaum irgendwo sonst auf der Welt lassen sich so viele Menschen freiwillig unters Messer legen, um an ihrem Aussehen zu feilen. Die beliebtesten Eingriffe sind dabei recht klassisch: Ganz vorne liegt die Fettabsaugung. Brasilianerinnen (und auch Männer) lassen sich damit Hüften, Bauch oder Oberschenkel formen, um die berühmte „brasilianische Silhouette“ zu betonen.
Fast genauso beliebt ist die Brustvergrößerung mit Implantaten – das gehört in Brasilien fast schon zum Schönheits-Standard, vor allem in den Küstenregionen, wo Bademode eine große Rolle spielt. Auch Bauchstraffungen sind sehr gefragt. Viele kombinieren diese sogar direkt mit einer Fettabsaugung, um ein besonders glattes und straffes Ergebnis zu bekommen. Dann kommen noch Lid-Operationen, also Eingriffe an den Augenlidern, die erstaunlich häufig gemacht werden – mehr als in fast jedem anderen Land. Und natürlich darf der berühmte „Brazilian Butt Lift“ nicht fehlen, bei dem Eigenfett in den Po injiziert wird, um die Rundungen stärker zu betonen. Nasen-OPs und kleinere Eingriffe im Gesicht sind ebenfalls weit verbreitet. Warum das so ist? Schönheit hat in Brasilien einfach einen enorm hohen Stellenwert.
Der Körper wird dort als Ausdruck von Selbstbewusstsein und Lebensfreude gesehen – und wer kann, investiert gern in sein Aussehen. Dazu kommt, dass es im Land extrem viele gut ausgebildete plastische Chirurgen gibt, die teilweise zu echten Stars geworden sind. Die Eingriffe sind im Vergleich zu Europa oder den USA oft günstiger, und die Menschen gehen sehr offen mit dem Thema um – es ist also kein Tabu, sondern fast schon alltäglich.
Der Rest, vor allem anscheinend weniger Privilegierte, trägt oft erstaunlich voluminös die Konsequenzen einer Ernährung, die vor allem aus billig Frittiertem besteht.
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Ganz schön heiß...
Rio de Janeiro hat eine lange Geschichte mit großen Klima- und Umweltkonferenzen und ist aktuell Gastgeber wichtiger Pre-COP30-Veranstaltungen im November 2025.
In der Vergangenheit war die Stadt Schauplatz der Konferenz der Vereinten Nationen für Umwelt und Entwicklung (UNCED), besser bekannt als der Erdgipfel von 1992. Dieses wegweisende Ereignis brachte Staats- und Regierungschefs aus über 170 Ländern zusammen, um globale Umweltfragen zu behandeln. Zu den Schlüsselergebnissen gehörte die Rio-Erklärung, die Agenda 21, ein umfassender Aktionsplan für nachhaltige Entwicklung. Zwar findet die Hauptkonferenz COP30 Ende November 2025 im nördlichen Belém statt, doch Rio de Janeiro ist unmittelbar davor, vom 3. bis 5. November Gastgeber mehrerer strategischer Vorbereitungsveranstaltungen.
Die Entscheidung, die Klimakonferenz COP30 in Belém im Amazonasgebiet auszurichten, gilt als symbolisch, aber problematisch. Die Stadt hat nur begrenzte Infrastruktur: Es fehlen Tausende Hotelbetten, die Verkehrswege sind schwach ausgebaut, und der Flughafen ist zu klein für den erwarteten internationalen Andrang. Um rechtzeitig Kapazitäten zu schaffen, wurden neue Straßen und Bauprojekte geplant – teils in ökologisch sensiblen Gebieten. Also genau jenen Problemen, die die Konferenz eigentlich bekämpfen soll. Ein Spannungsfeld zwischen Klimaschutzsymbolik und realen ökologischen Risiken. Die Berliner Beratungsfirma IKEM soll ihre Expertise einbringen um ambitionierte Klimaschutz-Rahmenbedingungen mitzugestalten:
Förderung eines gerechten Übergangs („Just Transition“), also dafür sorgen, dass die Energiewende sozial nachhaltig und inklusiv abläuft. Schutz und nachhaltige Bewirtschaftung von Böden und Landnutzung als zentrale Säulen für Klima anpassung und Klima minderung.
Auf dem Flug von Madrid nach Rio sitzt in der Reihe vor mir einer der IKEM-Chefs und arbeitet während der 11h durchgehend an Recherchen und Vorbereitungen auf seinem Laptop.
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Bossa Nova für Anfänger
Dieser Stil ist nicht nur Musik, er ist fast eine eigene kleine Philosophie: ein paar portugiesische Wörter müssen ständig auftauchen, jedes davon trägt ein ganz eigenes Gefühl…
SAUDADE Das berühmteste Wort überhaupt. Es gibt keine direkte Übersetzung, aber man könnte sagen: eine süße Sehnsucht. Es ist das Gefühl, wenn du jemanden oder etwas vermisst, aber mit einem warmen, melancholischen Lächeln – weil die Erinnerung schön ist. Bossa-nova-Sänger*innen wie João Gilberto oder Tom Jobim haben diese Stimmung perfektioniert: ruhig, nachdenklich, ein bisschen traurig, aber nie wirklich verzweifelt.
AMOR Klar, Liebe – aber im brasilianischen Kontext oft viel weicher und poetischer. Es geht weniger um Leidenschaft im dramatischen Sinn, sondern eher um das Gefühl, das Leben leicht und schön zu nehmen, mit jemandem oder einfach mit der Welt selbst.
MAR / PRAIA Das Meer und der Strand sind fast Charaktere in der Bossa Nova. Sie stehen für Freiheit, Ruhe, aber auch für Vergänglichkeit. Die Wellen kommen und gehen, so wie die Liebe oder die Zeit. SOL Die Sonne ist das Symbol für Leichtigkeit, Lebenslust und das einfache Glück des Augenblicks. Viele Songs feiern die Sonne als Quelle der Inspiration und Harmonie – fast schon wie eine spirituelle Figur.
NOITE Die Nacht ist in der Bossa Nova eher sanft als düster. Sie ist die Zeit, in der man träumt, reflektiert oder liebt. Eine ruhige Nacht am Meer – das ist pure Bossa-Stimmung.
TRISTEZA / ALEGRIA Zwei Gegensätze, die ständig nebeneinanderstehen: Traurigkeit und Freude. In der Bossa Nova sind sie keine Feinde – sie tanzen miteinander. Es ist diese Balance, die den Stil so menschlich macht: Du kannst traurig und trotzdem friedlich sein.
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...schauen wir uns ein paar Zeilen aus „Garota de Ipanema“ an, wahrscheinlich dem bekanntesten Bossa-Nova-Song überhaupt. Der Text ist von Vinícius de Moraes, die Musik von Antônio Carlos Jobim, und das Lied ist praktisch die Quintessenz des ganzen Gefühlskosmos, über den wir gerade gesprochen haben. „Das Mädchen aus Ipanema“ ist wie ein Postkarten-Gedicht: Sonne, Meer, Schönheit, Sehnsucht – alles da, aber nichts übertrieben. Es ist dieses süße Gleichgewicht zwischen Tristeza und Alegria, das den Song so zeitlos macht.
Olha que coisa mais linda, mais cheia de graça,
É ela, menina, que vem e que passa,
Num doce balanço, a caminho do mar…
„Schau, was für ein schönes Mädchen, voller Anmut,
da kommt sie, das Mädchen, das vorbeigeht,
mit einem süßen Schwung – auf dem Weg zum Meer…“
Hier steckt toda a alma do Bossa Nova drin – diese Mischung aus Bewunderung, Melancholie und Leichtigkeit. Das Meer („mar“) ist da, die Bewegung („balanço“) ist wie Musik selbst, und das Mädchen ist ein Sinnbild für das, was man liebt, aber nie ganz besitzen kann.
Ah, por que estou tão sozinho?
Ah, por que tudo é tão triste?
Ah, a beleza que existe…
„Ah, warum bin ich so allein?
Ah, warum ist alles so traurig?
Ah, diese Schönheit, die existiert…“
Hier kommt die „Saudade“ ins Spiel – die typische brasilianische Melancholie. Man bewundert die Schönheit, aber sie ist unerreichbar. Es ist traurig, ja, aber auf eine sanfte, fast dankbare Weise.
E o seu balançado é mais que um poema,
É a coisa mais linda que eu já vi passar…
„Und ihr Schwung ist mehr als ein Gedicht,
es ist das Schönste, was ich je vorbeigehen sah.“
Diese Zeilen sind pure Bossa. Das Leben ist ein kurzer Augenblick von Schönheit, der vorbeigeht. Kein Drama, nur ein Seufzer, ein bisschen Saudade.
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Das Museu Nacional da Cultura Afro-Brsileira ist kein Museum sondern eher eine Galerie die spezialisiert moderne Kunst im Überschneidungsbereich afrikanischer Geschichte und brasilianischre Realität ausstellt. Bei einigen Objekten ist unklar ob es sich um etwas aus dem lokalen Candomblé-Kontext handelt oder um ein historisches Original aus den Sklaverei-Ursprungsländern, Oder um ein Kunstwerk abseits beider Ansätze. Zwei Strassen hügelabwärts wird abends Crack gedealt, zwei Strassen links vom Museum lassen sich Touristen von der Buntheit barocker Kirchen beeindrucken - und vermeiden die blutigen Geschichten dahinter.
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2 Cousins, 2 Schicksale, 2 Welten
Eines Tages im 18. Jahrhundert wurden an der Westküste Afrikas zwei Cousins in ihrer Heimatgemeinde gefangen genommen, zum Hafen des ghanischen Elmina gebracht, zum sogenannten Tor ohne Wiederkehr. Dort wurden die Cousins getrennt:
Der eine wurde auf ein Schiff nach SALVADOR DE BAHIA verbracht, der andere nach CHARLESTON in den Vereinigten Staaten verschifft – zwei der größten Sklavenhandelshäfen der Welt. Beide nackt und ihrer kulturellen Artefakte beraubt, zusammen mit vielen anderen Afrikanern aus verschiedenen Nationen, mit verschiedenen Sprachen.
Fast 10 Millionen Menschen durchliefen dieses System der Ausbeutung und Unterdrückung über mehr als 200 Jahre hinweg, die größte Konzentration von Reichtum zwangsweise unterstützend, die die Welt je gesehen hatte.
4 Millionen landeten in Südamerika, weitere 3-4 Millionen im karibischen Raum - und ‚nur‘ eine halbe Million in Nordamerika. Der Rest wurde im arabischen und asiatischen Raum versklavt. 1822 erklärte Brasilien seine Unabhängigkeit von Portugal, wurde 1824 von den Vereinigten Staaten als unabhängige Nation anerkannt.
Sklaverei wurde trotzdem hier erst 1888 verboten, erst 23 Jahre nach den USA. Musik war schon immer das wichtigste Berührungsfeld zwischen verschiedenen afrikanischen Völkern, und ermöglichte die Verbindung trotz sprachlicher Barrieren. Musik, mit ihrer universellen Sprache, hat die Musikalität beider Länder tiefgreifend durchdrungen und mit ihrer Kraft geprägt:
Samba in Brasilien und Blues in den USA als Ausdruck von Leid und Freude. Nur weil ein Schiff nach Norden und ein anderes nach Süden segelte und 200 Jahre vergangen sind, konnte die Kraft einer uralten Flamme, die im Blut der Entwurzelten floß nicht erlöschen.
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Freikaufen...
„Kreolische Schmuckstücke“ stellen eine Form rituellen Schmucks dar, der oft als Instrument der soziokulturellen Emanzipation verwendet wurde. Innerhalb der Irmandade da Boa Morte (Bruderschaft des Guten Todes) symbolisieren sie die Hierarchie und Hingabe der Mitglieder, die von Generation zu Generation weitergegeben wird. Während der Sklaverei dienten diese Schmuckstücke als Währung und als finanzielle Reserve für den Kauf der Freiheit für Frauen. Man konnte sein gesamtes Erspartes aufwenden, um ein kreolisches Schmuckstück zu erwerben um es dann gegen die Freiheit einztauschen. Etwas, das in der Regel erst im höheren Alter möglich war.

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Momente...6
Dienstag ist die „Bar do Neuzão“ unterhalb des Museums für den Staatsdichter Jorge Amado, in der Gasse gegenüber dem Benin House das afrobrasilianische Kunst verbindend ausstellt, voller Poesie und freier Improvisation. An diesem Abend sind wöchentlich die Gassen darüber voll mit den trommelnden Gruppen aus Frauen oder Männern deren Rhythmus die Altstadt von Palaurinho zum Beben bringt. Andere Schwingungen dann in diesem Ecklokal, hier halten die Poeten und Jazzer „Encruzilhadas Culturais“ Hof. Da sagt dann Jocelia Fonseca: „Meine Waffe ist das Wort, mein Schild ist die Poesie. Ich schieße nicht, um zu töten, ich ziele, um aufzurütteln.“ Oder Luz Ribeiro zitiert: „Ich wurde nicht geboren, um in Schweigen zu passen, ich bin Trommel, ich bin Donner, das Echo derer, die vor mir kamen.“ Dazu spielt eine wechselnde Gruppe von Freunden jazzig Improvisiertes, immer mit einem Schuss Samba. An meinen beiden Dienstagen dort fällt ein Musiker auf, der die Berimbao im Stil des Capoeira schlägt - und dazu Hindi-Mantras singt, zum Beispiel für Sarasvati, die Göttin des Wissens, der Musik, der Kunst, der Weisheit und des Lernens. Extremer geht Crossover wohl nicht. Deswegen heissen die Abende wohl auch „kulturelle Kreuzungen“.

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Brasília
Diese Stadt ist ein gutes Beispiel dafür, wie eine völlig neue Stadt demokratisch beschlossen und von Grund auf neu geschaffen wurde. Die Idee, die Hauptstadt Brasiliens ins Landesinnere zu verlegen, reicht bis ins 19. Jahrhundert zurück. Sie entstand aus dem Wunsch, das überforderte Rio de Janeiro zu entlasten, die wirtschaftliche Entwicklung des Hinterlandes zu fördern und dem Land eine neue, moderne Identität zu geben. Jahrzehntelang wurde dieser Gedanke in politischen Debatten, Kommissionen und Studien weiterentwickelt, bis in den 1950er Jahren der entscheidende Schritt erfolgte.
Der demokratisch gewählte Präsident Juscelino Kubitschek trat 1956 mit dem Versprechen an, Brasilien in kurzer Zeit tiefgreifend zu modernisieren. Ein zentrales Element seines Wahlprogramms war der Bau einer neuen Hauptstadt. Nach seinem Amtsantritt wurde das Vorhaben politisch bestätigt, im Parlament diskutiert und auf gesetzlicher Grundlage verankert. Damit war der Bau der neuen Stadt demokratisch legitimiert und als nationale Aufgabe festgeschrieben. Für die Umsetzung wurde ein großer städtebaulicher Wettbewerb ausgeschrieben, den Lúcio Costa gewann.
Sein „Plano Piloto“ war ein visionärer Entwurf für eine komplett geplante Stadt, in der Verkehrswege, Wohnzonen, Regierungsquartiere und Grünflächen harmonisch aufeinander abgestimmt sein sollten. Parallel dazu entwarf Oscar Niemeyer die markanten öffentlichen Gebäude, die Brasília später weltweit bekannt machten.
Die gesamte Stadt existierte zunächst nur auf Plänen, doch sie war bereits in ihrer Funktionsweise und Struktur vollständig durchdacht.
Der Bau begann auf einer nahezu unbesiedelten Hochebene im Landesinneren, wo zunächst keinerlei Infrastruktur vorhanden war. Innerhalb erstaunlich kurzer Zeit entstanden Straßen, Wasserversorgung, Stromleitungen, Wohnviertel und ein moderner Regierungssitz. Tausende Arbeiter aus allen Teilen des Landes kamen zusammen, um das Projekt zu realisieren. In nur etwas mehr als drei Jahren wuchs aus dem Nichts eine funktionierende Hauptstadt.
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1960 wurde Brasília offiziell eingeweiht. Diese Stadt war nicht organisch gewachsen, sondern bewusst entworfen, politisch beschlossen und konsequent umgesetzt worden. Sie steht bis heute für die Idee, dass eine Gesellschaft aus demokratischer Überzeugung heraus die Vision einer neuen, zukunftsgerichteten Stadt realisieren kann. Auroville in Südindien hingegen hat einen völlig anderen Ursprung.
Die Stadt wurde in den späten 1960er Jahren auf Initiative von Mirra Alfassa („The Mother“) gegründet, inspiriert von den Ideen des Gurus und Philosophen Sri Aurobindo. Ihr Ziel war nicht Modernisierung im staatlichen Sinne, sondern ein utopisches Experiment: eine internationale Stadt, die keiner Nation gehört, in der Menschen aus aller Welt friedlich zusammenleben und spirituelle Entwicklung, ökologisches Bewusstsein und gemeinschaftliches Leben im Mittelpunkt stehen.
Die Planung war bewusst weniger hierarchisch, weniger monumental und stärker organisch. Auroville wächst weiterhin, langsam, durch Gemeinschaftsentscheidungen, ökologische Konzepte und kreativem Eigenbau. Anstelle eines politischen Mandats steht ein geistiges, idealistisches Prinzip das von den Bewohnern gelebt wird. Mit allen baulichen Freiheiten des Individuums, Lehmbauten inklusive.
Auch die räumliche Struktur unterscheidet die beiden Orte deutlich. Brasília folgt einem strengen, rationalen Plan mit klaren Achsen, funktionalen Sektoren und Zonen, die dem industriellen Zeitalter entsprachen – ein Modell, das später auch Kritik auf sich zog, weil es Distanz, Autoverkehr und große Distanzen fördert. Auroville dagegen orientiert sich an einem mandalaähnlichen, kreisförmigen Aufbau, mit Grünzonen und gemeinschaftlichen Treffpunkten, ist in der Entwicklung offener, weniger abgeschlossen und stärker mit der Natur verwoben.
Auroville lebt von freiwilliger Beteiligung, gemeinschaftlichen Projekten und kultureller Vielfalt, versteht sich nicht als Hauptstadt eines Landes, sondern als Versuch, eine neue Form des Zusammenlebens darzustellen. Ein Projekt der gelebten spirituellen und sozialen Utopie.
Auroville als experimentelle Gemeinschaft jenseits nationaler Grenzen, Brasília als rationales Symbol einer Nation.
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Die Villa
Santa Teresa, so heißt der kleine Stadtteil der sich eigentlich auf einen der Hügel Rios bezieht. Hier oben ist es eine Spur kühler, was viele der neu– und altreichen Familien dazu bewog hier herauf zu ziehen und Villen zu bauen. Als in den Vierzigern dann das Strandleben an der Copacabana und Ipanema cool wurde, zog man hinunter in die neuen Wohnviertel. „Ipanema“ stammt aus der Tupi-Indianer-Sprache und bedeutet je nach Interpretation eigentlich „aufgewühltes Wasser“, „stinkender See“ oder „wertloses Wasser“. Die Surfer sehen das anders. Auch war diese Gegend erst kürzlich durch einen Tunnel leichter erreichbar und mit dem Zentrum verbunden worden, moderne Glas&Betonästhetik. Dementsprechend konnte man die leer stehenden Villen leicht mieten - was Künstler und Hippies sofort taten, aber auch vor kurzem die Vermieterin meines AirBnb. Vier Zimmer scheinen genug abzuwerfen, sogar Personal kann damit bezahlt werden. So auch Marta, eine Polin, Mitte 30, ausgebildete klassische Querflötistin, die sich mit Aufräumdiensten wiederum eine Ausbildung zur Sambatänzerin - und die dazugehörigen Träume - leistet. Meine Neugier erkennend gibt sie mir wertvolle Tipps zu öffentlichen Proben von Sambaschulen, zur Woche der Konzerte der typischen, schräg kostümierten Blaskapellen, auf öffentlichen Plätzen. Eine Tür geht auf und ich darf eine weitere Essenz von Rio sehen und hören. Ein wunderbarer Kontrast nach dem Idyll des Wellenklangs von Copacabana und Ipanema der ersten Tage!
Mooove smoooooth!
Baile Charme entstand in den 1980ern in Rio de Janeiro, wo DJs US-Funk und R&B mit brasilianischem Flair mixten. Aus diesen nächtlichen Blockpartys wurde ein eigener Tanzstil: smooth, rhythmisch, lässig.
Die Bewegungen sind weich, oft synchron in der Gruppe, mit viel Hüftarbeit, kleinen Slides und coolen Handgesten. Der Vibe ist urban, gemeinschaftlich und absolut good-vibes-only. Baile Charme feiert Eleganz ohne Anstrengung – man tanzt nicht, um zu beeindrucken, sondern um sich treiben zu lassen. Ein Stil, der Musik, Körper und Gemeinschaft auf wunderbar leichte Art verbindet. Einer der schönsten Abende ever, in einer der Gassen hinter dem Viadukt von Lapa...
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Santa Teresa war die Villengegend von Rio: die Aussicht wunderbar, der Reichtum aus Kautschuk und Zuckerrohr in Ziegel gegossen. Bis dann in der Mitte des 20. Jhdts die Strände und Bauten aus Beton und Glas mehr Prestige vereinten als der alte Stuck. Auf jeden Fall ein sicherer Stadtteil, gentrifiziert und hip, die kitschige gelbe Touristenstrassenbahn laut ums runde Eck biegend. Ein Juwel die Villa von Roxane, inklusive Bett, wunderbarem Wohnzimmer, der halbschlampigen Küche, der atemberaubenden Aussicht.
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Die Sambaschulen von Rio sind feste Vereine, die in einem Ligensystem organisiert sind. Jedes Jahr nehmen die Schulen automatisch in ihrer jeweiligen Liga teil – von den unteren Gruppen bis zum prestigeträchtigen Grupo Especial, durch gute Bewertungen der Jury „sportlich“ nach oben befördert. Alle offiziellen Sambaschulen haben Kostüme und Wagen – nur die obersten 25–30 können sich wirklich große, professionell gebaute Prunkproduktionen um Millionen leisten - andere improvisieren oder recyclen.
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...NACHLESE:
Das 2. Artivist Statement
von Adebayo Akomolafe, Dichter, Philosoph, Psychologe, Professor.
Voller Leidenschaft für das Absurde. „Was wäre, wenn sich unser Sinn für das Heilige veränderte? Wie würde das unsere Orientierung in der Welt beeinflussen? Was würde mit Politik und Wirtschaft geschehen, wenn Bäume bei Landschaftsveränderungen befragt würden; wenn Berge verehrt und als Wesen anerkannt würden, die tiefer reichen als Touristenattraktionen; und wenn wir uns als Teil eines spektakuläreren Ganzen begreifen würden?
Ich weiß es nicht, aber ich vermute, dass uns am Ende unserer humanistisch-modernen Projekte ein erschütterndes Erwachen erwartet – denn wahrscheinlich ist es so, dass wir, sobald wir nicht mehr so sehr damit beschäftigt sind, nur Mensch zu sein, es umso mehr werden. Was wäre, wenn unser Nichtwissen unser größtes Kapital wäre? Was wäre, wenn wir das Unbekannte, das Undenkbare, jenseits von Daten, als Ressource – statt als Hindernis – betrachten könnten? Dies sind die Tage der widersprüchlichen Dinge. Dies sind die Zeiten, in denen wir das Gegenteil, das Paradoxe, das Ferne, das Unmögliche und das Kontraintuitive suchen müssen.
Um helleres Licht zu finden, müssen wir uns in die dunkelsten Höhlen begeben; um uns selbst zu verstehen, müssen wir uns dem Fremden zuwenden; um den Ausweg aus unseren Problemen zu finden, müssen wir sie mit tieferer Ehrfurcht annehmen. Um zu gedeihen, zu leben, müssen wir an die Orte gelangen, wo Leben und Tod keine Gegensätze, sondern Verbündete sind.“
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Das ewige Dorf
von Coumba Touré, Artivistin, Frauenrechtlerin, Coach, Verlegerin, Geschichtenerzählerin.
„Es war einmal ein Dorf irgendwo zwischen roten Erden, Akazien und weiten Feldern. Die Menschen dort kannten Armut und Reichtum, Regen und Dürre, Glück und Kummer – wie alle anderen auch. Doch etwas war in diesem Dorf seltsam: Seit Jahren war niemand mehr gestorben. Am Anfang merkten es die Leute gar nicht. Ein alter Mann, der lange krank gewesen war, wachte eines Morgens auf und sagte: „Ich dachte, ich wäre gestern gegangen, aber anscheinend bin ich geblieben.“
Eine Frau, die schon oft ins Reich der Ahnen geblickt hatte, stellte fest: „Der Tod kommt nicht mehr.“ Bald sprach das ganze Dorf darüber. Manche hatten Angst, andere lachten. Doch am beunruhigendsten war, dass der Tod selbst irritiert war. Eines Abends erschien der Tod am Rand des Dorfes – müde, erschöpft, den Umhang voller Staub.
Er klopfte an die Tür des Dorfältesten. „Ich verstehe es nicht“, sagte der Tod. „Ich komme, wie ich es immer tat, doch niemand folgt mir. Ich glaube, ich versage.“ Der Älteste bot ihm Wasser und Maniok an. „Vielleicht“, sagte er, „liegt das Problem nicht bei dir. Vielleicht liegt es an uns.“ „An euch?“ fragte der Tod erstaunt. „Ja“, sagte der Alte. „Wir kümmern uns umeinander. Wir hören einander zu. Wir teilen, was wir haben. Wir lassen niemanden allein zurück. Vielleicht… hast du keinen Platz hier.“
Der Tod seufzte. „Ich habe meinen Job verloren!“ Der Älteste lächelte: „Nicht verloren. Du bist nur… überflüssig.“ Der Tod dachte darüber nach. Dann stand er auf, bedankte sich höflich und ging – ein wenig erleichtert, ein wenig beleidigt. Seitdem kommt der Tod zwar in viele Dörfer, aber in dieses eine kommt er nie wieder.
Nicht, weil die Menschen unsterblich sind – sondern weil sie einander lebendig halten.“




















