

VIETNAM, FAKT & FIKTION
11 Beobachtungen & 2 Erzählungen
GERALD BENESCH

VOR MEINEN AUGEN/WYSIWYG
Drei mal in den letzten zwei Tagen sah ich ihn schon, diesen viel zu schmalen jungen Mann, seinen, mit Klebebändern an den griffen reparierten, Plastikkorb an mir vorbeitragend, ein Paar blaue Flipflops in der anderen Hand. Heute denke ich mir:
„Der Arme hat immer noch die gleichen, sogar abgewetzten Flipflops, keiner kauft sie ihm ab…“. Plötzlich hat er ein Paar glänzende Lackschuhe in der Hand, als er erneut an mir vorbeigeht. Die Dame im Caphe, zwei Tische weiter trägt, jetzt die Plastikschlüpfer, der Bursche hockt im nächsten Hauseingang – er ist Schuhputzer!
Da fiel mir auch die Story von Nasreddin Hodscha ein, dem mittelalterlichen Stadtkomiker im immer noch eine Zeitreise werten Buchara in Usbekistan. er trieb wöchentlich einen Esel mit einem riesigen Heuballen auf dem Rücken über eine Grenze. Die Zöllner durchsuchen argwöhnisch jedes mal den gigantischen Ballen, finden aber nie etwas. Nach Monaten fragen sie frustriert den Strolch, was er denn für sie Unauffindbares schmuggle? „Esel“, ist seine Antwort.
BLADE RUNNER
Plötzlich, im ‚aha‘-Caphe, das Pianomotiv von Vangelis aus dem Soundtrack zu Blade Runner. Ein guter Moment für einen Vergleich: Hong Kong ist die perfekte Realisierung von Ridley Scotts Klassiker von 1982. ein multipler Kulturclash, ein High-Tech vs. Low-Tech-Monster, eine Bäuerin, die gebratene Frösche vor einem nach Feng-Shui-Prinzipien erbauten Sci-Fi-Wolkenkratzer aus einem Bastkorb verkauft. Hanoi wiederum hat bei 7 Millionen Einwohnern mit 5 Millionen Motorrädern zu kämpfen, so viele, wie es vor 20 Jahren in ganz Vietnam für 95 Millionen Einwohner gab. Dieser Eindruck ist der stärkste, neben den Kinder-Plastiksesseln und -hockern für Erwachsene in den abends auf den Gehsteigen aufpoppenden Garküchen.
Die Story, dass die zwar lokale Beamte und eine vorgebliche Beschützermafia bestechenden Betreiber damit, mit diesen Minimöbeln, bei der Kontrolle durch Bezirksbeamte schneller verschwinden können, will ich nicht so recht glauben. Beide, parkende Motorroller und Garküchen, verbindet, dass sie die Gehsteige im Zentrum fast komplett okkupieren – da möchte man hoffnungsfroh das Versprechen der Stadtverwaltung glauben, Hanoi bis 2030 mopedfrei zu machen. Die Feinstaubwerte sprechen lautstark ebenfalls dafür.
Viel Glück/chuc may man!
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LET IT SNOW!
Es braucht mehrere Meter breiten Klebebands, um das sperrige, fast mannshohe Objekt am Moped zu fixieren. Zwei mal über die gesamte Höhe unter dem hinteren Kotflügel durch, den Zwischenraum zum Hinterrad nutzend. Die horizontale Achse involviert wieder den Kotflügel und diesmal den Vordersitz. Der bereitstehende Fahrer wird das Klebeband dann draufsitzend straffen. Das geringe Gewicht des Objektes gibt Aussicht auf den Erfolg des Plans, an dessen Durchführung drei Personen beteiligt sind. Unter der schützenden Plastikhülle sind drei verschieden große Styroporkugeln aufeinandermontiert erkennbar.
Auf der mittleren und kleinsten Kugel sind rote, schwarze und grüne kleine Plastikobjekte fixiert, Kohlestücke, Karotte und Tannenzweiglein imitierend. Ha, dieser Shop ist einer von mehreren in der Hang ma, der Straße, die auf der Liste der traditionellen Gewerbe des old Quarter als für den Handel mit Votivpapieren zuständig erwähnt wird. Also für den Verkauf von zu verbrennenden Zetteln mit chinesischen Symbolen darauf oder von übergroß nachgedruckten Dollarscheinen - die Ahnen können so etwas im Jenseits anscheinend gebrauchen.
Im Winter produziert man hier also Schneemänner für Firmen und Wohnzimmer, eine Woche später werden es vor allem golden bedruckte Papiertüten sein, die man sich, mit Essbarem befüllt, zum Jahreswechsel schenkt.
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CAPHE
70% der Weltproduktion an Robusta-Kaffee kommt aus Vietnam. im Westen bevorzugen wir zwar den als geschmacklich delikater eingeschätzten Arabica, in Löslichkaffees oder Diskontermischungen kommt er aber sehr wohl vor. In Hanoi hat sich eine eigenständige, kreative Kaffeekultur entwickelt. Hier meine aktuellen Favoriten:
Nummer eins ist sicher der Egg-Caphe. Je nach Mythos, auf jeden Fall nach einem der Kriege und Besatzungszustände im Vietnam des 20. Jahrhunderts gab es angeblich einen Engpass an Milch. Mutig und innovativ schäumte ein Caphetier Eigelb mit Kondensmilch und hob das ganze auf einen Espresso. Der Caphe Trung war geboren.
Nummer zwei, Caphe Sua, kommt in meiner bevorzugten Version optisch als doppelter Espresso in einer flachen Tasse daher. Sobald man an der heißen, bitteren Oberfläche nippt, wird die zweite, darunterliegende Ebene von kalter, dicker und süßer Kondensmilch erahnbar. Mit jedem Nippen wird der Geschmack süßer, die beiden Sensationen gehen ineinander über. Ich habs meinem kaffeesüchtigen spirituellen Freund Johnny nach San Antonio gewhatsappt: „You have to work yourself through the darkness, then sweetness comes up and finally sugary enlightenment!“ – also der harte, aber lohnende Weg ins Nirvana. Profaner wird dieser Caphe in der Alltagsversion kalt und mit vielen Eiswürfeln im glas serviert - und erleuchtungsverhindernd schnell umgerührt.
Nummer drei: Coconut Caphe. Damals, dieses Brooklyner Bobolokal, das wie ein 70er-Jahre-Diner aussah (inklusive konsequenter Beschallung mit Fleetwood Mac und Rick Springfield) gab sich erst auf den zweiten Blick als strikt vegan zu erkennen. Hier leidet keine Kuh, es gibt die Wahl zwischen Soja-, Mandel- und Kokosmilch zum Kaffee. Ich liebe Kokosmilch zum Kochen, aber Kaffee war damit nicht trinkbar. Hier in Vietnam nimmt man nur einen kleinen Teil Kokosmilch, für den Duft, gemischt mit gesüßter Kondensmilch und grob gehacktem Eis, für dieses wunderbare, doppelt erfrischende Getränk.
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DER BAUMALTAR
Als Tourist hat man eher die Tendenz, nur das Schöne sehen und hören zu wollen. Deswegen ist in Österreich Schönbrunn und nicht Wels ein Tourismusmagnet, eher der Eiffelturm als ein Kohlebergwerk. So ein Beispiel fürs Bevorzugen der Idylle war meine dritte reise nach Rajastan in Nordindien: irgendwo hatte ich gelesen, dass in Jaipur im Neumond des Juni Frauen auf Schaukeln schwingend den Frühling begrüßen. Zu schön, um wahr zu sein, eh klar. Vor Ort gab es dann nur Kopfschütteln über diese in mehreren Publikationen brav kopierte Mär.
Und jetzt gibt es neben meinem AirBnB in Hanoi ein Häusereck mit einem großen, dickstammigen, gebeugten Baum. Darauf und darin sind sichtbare Nischen, Altäre, verankert, ausgestattet mit Portraitfotos und Unmengen abgebrannter Räucherstäbchen. Googelt man dann kurz „Baumaltar in Vietnam“ gibt es dazu nichts Konkretes, sondern den Link zum fast emotionalen Eintrag einer Vietnamesin auf Tripadvisor. Darin beschreibt sie den Bezug der Vietnamesen zu ihren Vorfahren, die Erinnerung an diese in Form von Ahnenschreinen in fast jedem Haus und Geschäft – und auf Bäumen – als Erinnerung, als Zeichen der Dankbarkeit für den guten Lebenswandel an die Vorfahren. Denn diesem verdankt man quasi karmisch, dass es einem selbst gut ergeht im aktuellen Leben. Dies beinhaltet aber auch die Verpflichtung an einen selbst ein gutes und wohltätiges Leben zu führen, ebenfalls karmische Vorarbeit für die Enkerl. Mehr hatte die Dame nicht gebraucht - ein kleiner Shitstorm brach in der Kommentarleiste los:
Auslandsvietnamesen machten sich über diese ‚verklärten und realitätsfremden‘ Beschreibungen lustig, das Land habe längst jeden tatsächlichen spirituellen Bezug verloren, Gott Mammon regiere alle gesellschaftlichen Bereiche! Neureiche Angeber mit Bankkrediten auf Motorroller oder Auto, am Smartphone klebende Jugendliche, schlimmer als im Westen.
Das sei die Realität!
Die Tortendiagramme im internet zeigen ein Drittel-Kuchenstück das selbst wiederum in oft 10 Teile zerlegt ist: 5% Buddhisten, 7% Christen und dann einige 1-3%ige Gruppierungen von lokalen, von karmischen Konzepten inspirierter Religionsgründer des 20. Jahrhunderts. Zwei Drittel der Religionstorte wird je nach Quelle als ‚religionslos‘ oder mit ‚Volksreligionen‘ benannt. Das könnten die unscharf einzuordnenden Minialtarbesitzer sein. Sicher ist, dass der lokale Kommunismus hier vieles unterdrückt und zerstört hat, in seiner aktuellen Version es weiterhin tut: Zweimal hörte ich auf meine Nachfragen, dass das Bekenntnis gläubiger Buddhist oder Christ zu sein, höhere Beamtenpositionen verhindert. und dann gestern in Da Nang bei der über AirBnB buchbaren “Stadtrundfahrt mit authentischem Streetfood“, durchgeführt von Studenten auf Motorrädern, sagt der sich vereinfachend John nennende Student der Informatik en passant: “Jesus sprach zu mir bei einer regnerischen Motorradfahrt, mich vor einem Gefahrenmoment warnend“. Er fragte die körperlose Stimme nochmals, um sicherzugehen, dass er es ist. Und bekam eine Antwort. Seither möchte John später Theologie studieren. Vielleicht sogar Missionar werden.
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FUN FACT 1
Mir ist Bier wurscht, wirkt bei mir im Schnitt als veritables Schlafmittel, als Radlermix nach dem Sport eventuell elektrolytisch hilfreich. Aber in Ägypten war in der Hitze schwitzend immer ein Stella Artois regenerierend, in Mali hieß die Option Castel Beer, in Kombination mit dem kolonialen Überbleibsel Baguette, mit extra Salz darauf.
In der minimalen Vorbereitung auf meine Vietnamreise war ich auf den Reisebericht eines ehemaligen Wiener Theaterdirektors gestoßen, der erstaunlich unliterarisch und platt seine Vietnamreise zu Buch gebracht hatte – und auf jeder fünften Seite seinen Bierkonsum erwähnte. Ich tu’s hiermit einmalig auch, vor einem Lokal an einem Straßeneck im alten Hanoi sitzend, gemeinsam mit verwitterten, alten Männern die Touristen begaffend.
Also, das niedrigprozentige Bia Hanoi passt hier einfach bestens zu dünn aufgeschnittenem Schweinsherz oder Zunge mit einem Chili-Zwiebelsalat. und basta!
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SE/E/H/NSUCHT
Pushkar
Da stand er, mitten im See, wie eine Mischung aus der bärtigen Version von Jesus und der fiktiven Yogaposition „einbeiniger Storch“. André Robert war schon einige Monate hier, hatte eine Liaison mit einem jungen, Heroin konsumierenden Tempelpriester und wohnte in einer der vielen ehemaligen Maharadscha-Residenzen die jetzt Hotels sind, an diesem heiligen See. Ob diese persönliche Nahbeziehung oder sein Montrealer Charme der Grund dafür waren, weiß ich nicht, aber ich sah ihn immer wieder bei den täglichen Umzügen der lokalen Priesterschaft mit ihren Prozessionswägen, assistiert von der in weißen Phantasiekostümen gewandeten, Kakophonien schmetternden Dorfkapelle. Dort war André dabei, tanzend, immer zwischen Pujaris und nachfolgender Menge, als respektiertes Maskottchen quasi. ein Sakrileg eigentlich, in diesem strikt in Hierarchien denkenden und funktionierenden Indien.
Der Pulk durchquerte täglich Pushkar vom Brahma-Tempel am Westende des Sees zur gegenüber liegenden Dependance eines südindischen Vishnu-Tempels, erkennbar an dem stelenartigen, weißen, mit über 300 Figuren dekorierten 20 Meter hohen Monolithen im Zentrum der Anlage. Wenn der Wagen das Tor zum jeweiligen Tempel passiert hatte, durfte André als einziger Westler mitgehen.
Und so würde ihm wohl niemand einen Strick daraus drehen, dass er an diesem Vormittag im teilweise sehr seichten, versandeten See einfach hinausgewatet war, um seine hinduistischchristliche Symbioseposition einzunehmen. Brahma, der Pushkar schuf, als er einen Dämon mit einer Lotusblume bekämpfte und ein dabei herabfallender Tropfen zum See wurde, hat sicher altersweise gelächelt.
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Seewaldsee
Der Seewaldsee in St. Koloman südlich von Salzburg ist ein „Himmelsteich“ laut Wikipedia, „er nährt sich nur von Niederschlägen“ – und sicher auch von dem, was umliegende Wiesen durchsickern lassen. Seit seiner Entdeckung bei einem frühen Schulwandertag ist er ein Fixpunkt bei meinen Besuchen meiner Mutter. Am liebsten zu Ostern, wenn oft Schneereste die Auffahrt auf über 1000 Höhenmeter erschweren, wenn die in den saftigen Rändern, in Löchern überwinternden Frösche beginnen, ihre wabbeligen Laichklumpen im See zu deponieren.
Dann zieht es mich geradezu magnetisch hinauf, um eine Stunde auf der flachen Landzunge des Sees zu sitzen. Der Blick auf das Rund der ihn umgebenden Berge ist so erfüllend, dass die kraftspendende Erinnerung ein weiteres Jahr anhält. Ein wahrer Himmelsteich für mich.
Die Tals
Kurz kam der Gedanke auf: „Jetzt bist Du 6000 Kilometer geflogen, um im Salzkammergut zu landen?“. Aber eigentlich fing diese Reise vier Jahre früher an, in Bayern, als ich bei einem Dreitages-Retreat mit einem ehemalig jüdischen New Yorker Hippie dessen Geschichten über seinen Guru aus den 70ern lauschte, immer wieder unterbrochen vom gemeinsamen Singen traditioneller indischer Bhajans. Eine unglaublich beruhigende, damals passende Erfahrung.
Wenn er von seinem 1973 verstorbenen guru sprach, traten Krishna Das oft Tränen in die Augen, das mit dessen, Nem Karoli Babas, immerwährender Präsenz und seiner eigenen unendlichen Liebe zum Guru, seiner Erfülltheit erklärend. Wie leicht wäre das mit Abhängigkeit, mit Sektentum abzutun gewesen, mit Hippieromantik. Osho, Sri Chinmoy, das Hare-Krishna-movement ISKCoN im Westen und viele andere haben da großformatige negative Schubladen hinterlassen. Obwohl - ich liebe die Erklärung von Osho warum er über 90 Rolls Royce besitze: „um meinen Anhängern zu zeigen, dass Neid keine gute Eigenschaft ist!“.
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Und weil die berühmte Geräuscharmut im Inneren des Wagens ihn an den „Frieden des Buddha“ erinnere. Neem Karoli Baba war also für ‚KD‘ die personifizierte Liebe, und diverse Zeitzeugen bestätigen rational nicht erklärbare Momente, in denen Raum und Zeit für ihn nicht existierten. Zum Beispiel als, er Ram Dass - der als Professor Richard Alpert wegen LSD-Experimenten mit Studenten gemeinsam mit Timothy Leary aus Harvard gefeuert worden war – bei seiner Ankunft im Ashram mit in die Begrüßung eingeflochtenen Tatsachen über Ram Dass’ Mutter empfangen wurde, die der Guru einfach nicht wissen konnte.
Ein dicker, fast zahnloser alter Mann, in eine Decke eingewickelt, auf einem geflochtenen Bett sitzend in den Bergen Nordindiens. Solche Stories und der sich öffnende Pantheon hinduistischer Götter ließen mich also 2007 Nainital und Vrindavan googeln, hier befinden sich die beiden Haupttempel dieses schrägen indischen Heiligen. Vrindavan ist Mariazell vergleichbar, beide entsprechen Strömungen der Spätphase einer Religion. Bei uns war die Marienverehrung erst ab dem 16. Jahrhundert ein greifbares Phänomen, eine menschennähere Ergänzung zur göttlichen Trinität des Christentums. Einher ging ein plötzlich zu erfüllender Bedarf an Marias Reliquien und sogar derer ihrer Eltern dem es nachzukommen galt.
Das war aber machbar. Alsbald gab es den Gürtel, der nach der Himmelfahrt Marias auf den Apostel Thomas heruntergefallen war, sogar nachweislich noch mit ein paar Tropfen ihrer Muttermilch benetzt. Das Original befindet sich immer noch in Konstantinopel, 27 Kölner Kirchen besitzen weitere Marienreliquien, sogar Tropfen ihrer Milch auf einem Stein – und ein Segment der Schädelplatte von Jesus‘ Oma, der heiligen Anna.
Krishna, ein mit 16.000 Kuhhüterinnen in einer Nacht Spaß habender hinduistischer Gott wurde ebenfalls im 16. Jahrhundert im Norden Indiens populär, wer kann schon der Abbildung eines pummeligen, Butter stibitzenden Kleinkindes widerstehen? Sein Geburtsort Vrindavan südlich von Delhi widmet sich 365 Tage im Jahr Krishnas Verehrung, in vielen Tempeln wird von Musikern in Schichten tatsächlich rund um die Uhr das im Westen vorbelastete Hare Krishna Maha Mantra gesungen. Ich war vorher schon drei mal hier im Norden Indiens, in Rajastan gewesen und wollte diesmal raus aus der Hitze der Tiefebene hoch hinauf in die kühlen Vorgebirge des Himalaya, in die Hill Stations, wie schon die britischen Kolonialherren.
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Diesmal zum zweiten Ashram von Neem Karoli Baba, nach Nainital. Natürlich war mir klar, dass ich keinen Kontakt zu einem seit 30 Jahren toten – aber vielleicht doch noch omnipräsenten - Guru herstellen können würde. Viel leichter war dafür die Kontaktaufnahme mit einem Videokünstler aus Delhi, der meist hier in den Bergen wohnte und dessen Emailadresse plötzlich beim googlen der traditionellen Hill Stations aufgetaucht war. Tatsächlich brachte er mich nach meiner zehnstündigen Busfahrt in einem alten kolonialen Gebäudekomplex unter, oben auf einem Bergrücken zwischen den „Salzkammergutseen“ Purnatal, Ram-, Sita-, Laxman-, Nat-, Demianti-, Sukt- und Garudatal. In einigen konnte man Tretboote in Schwanenform mieten, was Wochenend-Urlaubende und in den Hotels im ganzen Ort hörbar laut Party feiernde Manager aus Delhi gerne taten.
Hanoi
Diese surrealen schwanenförmigen Tretboote kann man auch an einem der beiden kleinen Stadtseen im historischen Zentrum Hanois mieten. Ich schreibe dies am streng brüstungsumrundeten „Teich der himmlischen Klarheit“, also einem gebändigten See, im irreführend so benannten „Tempel der Literatur“, einer zwischen 1076 und 1915 bestehenden Kaderschmiede hoher Beamte, basierend auf den Gedanken von Konfuzius zu Lebens- und Staatsführung.
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FUN FACT 2
Ein amerikanischer Biomechanik-Professor regte 2005 an, aufgrund der anderen Körperproportionen von Asiaten, entprechend der vereinfacht kürzeren Arme und Beine wegen, Cockpits von Flugzeugen anders zu bauen. Konkret für Vietnamesen, empfiehlt er, den Steuerknüppel 10 cm und die Flügelruderpedale 12 cm näher zum Piloten zu montieren. Bei meinen Inlandsflügen waren, sehr wohl hörbar, einmal ein Australier und das andere mal ein Russe am Steuer. Hoffentlich in keinem zu engen Cockpit.
ALITTA SUCCINEA
Dieser 500 millionen Jahre alte ‚kosmopolitische‘ (ja, Wikipedia nennt ihn so, weil er nahezu weltweit vorkommt) Ringelwurm wird hier in Vietnam im frühen Winter schwimmfähig und fett, verteilt Samen und Eier an der Meeresoberfläche, um bald darauf zu sterben. Frühmorgens wird er an der nahen Küste - und sogar in eigenen Zuchtanlagen - abgefischt und lebendig in den Straßen Hanois verkauft. Nicht sehr apart, diese optische Mischung aus Blutegel und Tausendfüßler – hier aber eine lokale Delikatesse. Die 36 Straßen des Old Quarter Hanois mit ihren längst kaum mehr gültigen Bezeichnungen wie ‚Strasse der Kupferschmiede‘, ‚Straße des Bambus‘ oder ‚Straße der Devotionalpapiere‘ hat auch eine für Produkte dieser Ringelwürmer: Hang Buom. Nur diesem Tierchen gewidmet gab es hier früher daraus bereitete Pasteten, es gab sie fermentiert zu Saucen und getrocknet. Heute sind es eher mobile Händler die Würmer mit Fahrrädern im Zentrum anbieten.
Es war nicht leicht sie in einer der öffentlichen Garküchen zu finden, fritiert als Laibchen, gemischt mit Frühlingszwiebeln, Schweinefaschiertem, gestoßener mandarinenschale und Dille.
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LUXUS, LUXA, LUXUM
Diese lateinischen Adjektivformen, also geschlechtlich variabel, bedeuten ‚verrenkt, ausgekugelt‘. Die schmerzhafte Luxatur ist eigentlich die Verbform in der Vergangenheitsform. Als maskulines Hauptwort wiederum reicht die Bedeutung von ‚Üppigkeit‘ bis ‚Ausschweifung‘. Hier setzt auch die christliche Todsünde ‚Luxuria‘ an, die Wollust.
Eine Vergangenheitsform von Üppigkeit stellen auch klassische Luxushotels dar. Im Schnitt ist das Personal besser gekleidet als die Gäste, im Schnitt geht es um maximale Kontrastierung zur umgebenden urbanen, landeseigenen Realität. So auch beim Metropole Sofitel hier in Hanoi, der Nummer eins am Platz seit vielen Jahren. Ich habe für solche Kontrastprogramme immer ein dünnes Jacket und passable Schuhe im Gepäck, so auch hier. Die Cola-Dose wiegt hier zwei Kilo, steht sie doch zu Kühlung in einer massiven Messinghülle mit dem Art-Deco-Logo des Hauses. Links der Bar singt eine europäische Dame sehr medioker Pop- und Jazz-Standards mit einer irritierend unbeteiligten vietnamesischen Kombo.
Rechts von mir sitzt ein amerikanisches Paar in den Vierzigern, gekleidet in etwas, das eigentlich nicht Sportkleidung sein kann, ihren Körperumfang betrachtend. ein soigniertes deutsches Ehepaar in den 60ern verspeist noble Wague-Burger (japanische, massierte Rinder machen auch vor Vietnam nicht halt), gekleidet in Pullunder und braver Strickjacke.
Die gerahmten Menüs von weihnachtlichen Diners vom Anfang des 20. Jahrhunderts zelebriert leider niemand mehr. Immer wieder faszinierend warum die Anhäufung von Geld oft mit dem Verlust von Stil einhergeht. Hier wird die glorreiche Historie eines Hauses, dessen Stil irritierend fortgesetzt: Stadttouren werden in der Limousine gebucht, das Luxus-Shoppingcenter nebenan wird dem interessanten Chaos dieser Stadt bevorzugt. Keine Wollust, kein Ausrenken aus gewohnten Bahnen.
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SAM-I-AM
Abends aus der UNESCo-geschützten Altstadt Hoi Ans zu meinem Homestay radelnd passiere ich Restaurants und Unterkünfte in dichter Abfolge, kaum unterbrochen durch private Wohnhäuser. Diese haben hier einen kleinen Vorgarten und völlig einsehbare Wohnzimmer mit großen Glastüren. Oft ist schon von weitem die Karaoke-Begeisterung der Vietnamesen hörbar und sehbar: riesige Fernseher leuchten bunt im Dunklen, fette Soundsysteme tragen heftige Bässe und allzu oft allzu hohe Gesangsstimmen über mehrere Straßen hinweg. Im besten Fall laufen auf den Bildschirmen zuckersüße Liebeslieder, im original von vietnamesischen Elfen gesäuselt, hier aber sieht man jemanden auf einer Couch knotzen, meist männlich, mit einem oft silbernen oder goldenen, überproportionierten Mikrophon. Dann wird das vorher sauber intonierte Lied in der Karaoke-Version freudvoll nachgesungen. es gibt kein Volk von Pavarottis und Celine Dions auf diesem Planeten, aber die Vietnamesen – zumindest in dieser Nachbarschaft – proben fleißig dafür.
Bewundernswert der Mut, oftmalig sehr falsch und laut, für alle Nachbarn hörbar, mit voller Inbrunst zu singen. ich passierte eine dieser privaten Wohnzimmer-Karaokeshows, sah aber auch, dass der übliche Vorgarten und eine Terrasse voll waren mit mindestens 50 menschen, sortiert um kleine Tische sitzend, essend und trinkend, oder sich an Stehtischen unterhaltend. Neugierig bleibe ich mit dem Fahrrad stehen, ist doch gerade ein besonders gruslig intonierender Sänger zu Gange. Sofort winkt mich ein älterer Herr in die einfahrt und stellt mich dem Geburtstagskind vor, einem bloß einjährigen Mädchen auf dem Arm ihrer Mutter. Er weist mich an, Platz zu nehmen neben dem einzigen anderen ‚Langnasigen‘ in einer runde von jungen Männern, direkt vor den extra gemieteten riesigen Lautsprechertürmen.
Sam ist Anfang zwanzig, ein junger Amerikaner, der anscheinend zur Familie gehört, wie ich bald merke. er war nach der Highschool und einem ersten, nicht zufrieden stellenden Jahr an einem Fotografie-College für eine Ngo die Dörfler medizinisch betreut als Fotograf nach Vietnam gekommen. er hat orte mit großer Armut und Rückständigkeit gesehen, hat seine Begeisterung fürs Fotografieren, die er seit einem Sommercamp als 14-jähriger besitzt, die er sein ‚im-Moment-sein‘ nennt, ein Jahr lang in deren Dienst gestellt.
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Den mich einladenden Hausherren bezeichnet er als seinen ‚vietnamesischen Vater‘. er beschreibt, wie er ihm eigentlich Englisch lehren sollte, aber gleich am zweiten Tag eine Schaufel in die Hand gedrückt bekam, um beim Hausbau zu helfen.
Sam spricht merkbar brauchbares Alltags-Vietnamesisch, eine Sprache, die sich alle 100km ändert, in Hanoi wäre er unverständlich, sagt er. eine Sprache, in der die Worte für ‚Hab einen guten Tag‘ hauchfein anders ausgesprochen ‚Das ist nicht meine Schwester‘ bedeuten, wie er mir lachend erklärt. Laufend kommen mit ihm befreundete junge Männer vorbei, die neue Dosen des lokalen Larue-Biers vorbeibringen und denen man dann mit Gläsern, in denen Eisberge schwimmen zuprostet: „mot hai ba dzo!“ Dass Nachzuliefern ist, erkennen sie daran, dass man die leere Bierdose einfach unter den Tisch wirft.
Sam hat eine charmante Art, eine Abgeklärtheit mit der vietnamesischen Realität: er lebt seit drei Jahren in diesem Land und geht längst nicht mehr in das touristisch mit tausenden Lampen verkitschte Zentrum von Hoi An. Er hat seine Begeisterung für das Festhalten des ‚JETZT‘ zur Profession gemacht, hat fixe Verträge mit den lokalen Beach-Club-Betreibern, setzt die vielen Hochzeiten jetzt im kühleren Winter aber auch die boomenden AirBnBs fotografisch für die Vermieter in Szene.
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Ich werde ihn nochmals treffen, beim begeisterten Ablichten von vor allem britischen und australischen Twentysomethings auf der Silvesterparty am Strand des hippen ‚La Plague‘, Tequila-Shot-Spiele und lautes Mitsingen britischer Hitparadensongs festhaltend.
Das ‚About me‘ seiner Website als Fotograf beginnt mit‚ ich wurde adoptiert‘. eine der meist in schwarzweiß gehaltenen zehn Fotostories dokumentiert die Suche nach seiner leiblichen Mutter in den USA, die Suche nach seiner Schwester mittels eines Privatdetektivs. und erzählt vom Abbrechen der Unternehmung, er wolle sie später fortsetzen. Ich sah hier nach weil mir bei dem angeheiterten Kindergeburtstag ein Satz von ihm hängenblieb: „Ich bin ja viel lieber hier als in den USA!“. Wegen Trump? Zur karmischen Abarbeitung des Vietnamkrieges? „Nein, sondern weil ich hier ein lebendiges Familienleben habe, ein viel stärkeres Gefühl von Zusammengehörigkeit, Generationen im selben Haushalt umspannend.”
Geliebt werden, jemandem emotional nahe sein, verbunden sein – Sams, unser aller vermutlich lebenslange Suche. Sam-i Am ist übrigens die charmant gezeichnete Figur in einem der vielen Bücher von Dr. Seuss - der kein Doktor war. Katzenartig mit Schweif, unter einem großem Zylinder versucht er einem menschlichen Gegenüber in diversen Wortspielen das Probieren von ‚green eggs and ham‘ nahezulegen. es war der Auftrag der Bücher von Dr. Seuss, den Wortschatz an den das Lesen lernender Kinder anzupassen, in Sam-i-Am benutzte er exakt 50 Worte für eine lehrreiche Geschichte:
Green Eggs and Ham!
You do not like them, so you say?
Try them! Try them. And you may.
Try them and you may I say!
‘Es’ einfach tun. Bravo, lieber Sam in Hoy An!
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Aus kurzen Eindrücken – einer in einem Caphe in Hanoi, der andere in der schicken Strandbar in Hoi An - ergaben sich folgende zwei fiktive Geschichten:
LIVE AND LET DIE
Frank hatte es sich gut überlegt, er würde das durchziehen, einen Plan B gab es nicht. Nicht für ihn. Das Lösen der eigentlich frischen Beziehung mit seiner Freundin wirkte brutal. Oder war es vorsorglich, liebevoll? Dito das Kündigen in der Firma. Als sie von seiner weiteren Entscheidung, dem one-way-Ticket, hörten, verloren sie den glauben an seine Zurechnungsfähigkeit. Wer konnte es ihm wiederum verdenken: seine Möglichkeiten waren zwar begrenzt, so aber auch seine kommenden Bedürfnisse.
Von denen nur er wusste. Alles was er bräuchte, passte in einen mittelgroßen Koffer. Warum es gerade Hanoi sein sollte war ihm selbst nicht klar, der Finger war auf der Landkarte dort stehen geblieben, die Neugier immer noch ein Motor, wenn auch nicht mehr im Turbobereich wie früher. eine kurze Recherche wegen eines wichtigen – dem wichtigsten – Details bestärkte ihn in dieser Wahl.
Passable AirBnBs in ehemaligen, traditionell eingerichteten Bonzenwohnungen waren schon um fünfzehn Euro zu haben, die Rechnung dass seine Finanzen dafür genügen würden, eine leichte. Dass Hanoi nicht an einem langweiligen Strand lag, das Klima angenehm und Deutschland weit entfernt, bestärkte den Entschluss.
Hauptsache weit weg, Hauptsache keine Nähe zu seinem sozialen Umfeld – und daher die ultimativste aller Nähen: die zu sich selbst. Dramatische oder anklagende Gemüter hätten ‚Flucht‘ als Überschrift benutzt. Für etwas, das in ihrem Leben wiederum die Headline ‚Episode‘ haben würde. Für Frank gab es aber kein Danach, keine Fortsetzung.
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Was die Franzosen in Hanoi hinterlassen hatten nach Jahrzehnten der Kolonialherrschaft, war das übliche Selbstgefällige bis Nützliche: Verwaltungsbauten und Villen, inzwischen von korrekten vietnamesischen Kommunisten unbenutze Kinos und Theater. Wie ein Geschwür hatten sie sich auf ein geschwächtes, friedliches Land gesetzt, eines von vielen, hatten es ausbluten lassen, es dann bekriegt. um es letztendlich in eine eigene, unbestimmte Zukunft zu entlassen.
Und Selbstbestimmung war Frank jetzt wichtig – obwohl er selbst nach wie vor der Herrschaft eines Besetzers ausgeliefert war, der ganz klar der Stärkere war, dessen Schritte aber absehbar waren. Deswegen war Frank auch bereit, diesen ungleichen Kampf möglichst lange zu bestreiten. Auch wenn klar war, dass der Krebs siegen würde. es hatte angefangen mit dem Spucken von Blut. An einem ganz normalen Dienstag, auf dem Weg ins Büro. Das erschreckte vor allem einen Nichtraucher wie ihn.
Eine Woche später wusste er auf Grund der ersten Befunde, was der Schlachtplan seines Widersachers war. Er hatte sich anscheinend schon vor Längerem in seiner linken Niere festgesetzt und dort sein Feldlager aufgeschlagen. er hatte still und heimlich begonnen Zellen zu produzieren, die er wie Scouts ausschickte, um das umgebende Abdomen zu erkunden. um in der Topographie von Franks Körpermitte Mittel und Wege zu finden, die eigenes Wachstum verhießen. Metastase ist das passende Wort für diese Kampftechnik, bedeutet doch das griechische Wort ‚metástasis‘ Wanderung.
Franks Körper wusste schon längst von den Invasoren, hatte sie nicht unterschätzt – hatte aber vor kurzem den Kampf aufgegeben. Spätestens als die Lunge vom Feind besetzt war und die Zerstörungen zur Oberfläche schwappten, direkt auf Franks Lenkrad im Auto. Er lernte, dass dieses Monster gegen Chemotherapie bereits resistent war, dass es ebenfalls bereits zu spät war für das Herausschneiden des Kopfes dieser vielarmigen Medusa, die er an seiner Niere nährte. Die ihn unverschämt anlachte auf den Computertomographie-Aufnahmen. Die ihn anlachte und wusste, dass ihr bloßer Anblick schon tödlich sein konnte für Überlebenswillen und Hoffnung des so offensiv Kolonialisierten.
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Frank blieben noch drei Monate, bei aller Ohnmacht der Medizin in seinem Fall. So viel Wissen war vorhanden: er würde keine Schmerzen haben, der Krebs und seine Feldzüge in Franks Körper würden ein plötzliches Organversagen als finalen Schachzug durchziehen. Drei Monate – eine Jahreszeit, vermutlich die Zeit, die man in einem Durchschnittsleben mit Zähneputzen verbringt. Oder in seinem Fall mit Sterben.
Es geht aber auch um’s Leben, um Qualitäten die so subjektiv sind wie die Menschen, die sie bewerten sollen. Und überhaupt, ‚bewerten‘, das war das Letzte, was Frank in den verbleibenden 12 Wochen brauchen konnte. Gleichzeitig das erste, was seine Umwelt ihm zu Hause aufdrängte. Okay, den Job kündigen, das war verständlich – oder auch nicht? Vielleicht ging sich ja doch noch ein letztes Meisterwerk, ein opus magnum aus?
Als Künstler vielleicht, als Finanzbuchhalter sicherlich nicht. Die möblierte Mietwohnung zurückzugeben, die Lebensversicherung zu kündigen und sich auszahlen zu lassen, das waren für ihn die logischen ersten Schritte. Die restlichen, die seiner kompletten Auflösung, ja Auslöschung sollten ebenfalls selbstbestimmt sein. Denn um Auflösung ging es ihm. Sein Weltbild war von seiner eigenen Unwichtigkeit geprägt, von einer Welt, die sich ohne ihn unbeirrt weiterdrehen würde, die keine Sekunde innehält, so wie sie es schon milliardenfach nicht getan hatte.
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Und, wenn er selbst schon keine Schmerzen haben würde, warum sollte seine Umgebung Schmerzen leiden? Sein Vater und sein Bruder waren die einzigen ihm familiär Nahestehenden, die Mutter schon lange tot. Der eine hat beginnende Demenz, ist im Pensionistenheim, der andere lebt entfremdet als Koch in einem anderen Land. Er würde ihnen und einer Handvoll enger Freunde vor dem Abflug knappe Briefe schreiben mit der nüchternen Erwähnung seiner finalen medizinischen Befunde, mit seiner Entscheidung in einem anderen Land zu sterben.
Genauso durchdacht würde er ab der Landung in Vietnam immer seinen Pass bei sich tragen mit einem Kuvert darin, adressiert an die deutsche Botschaft in Hanoi. Darin wäre sein letzter Wille formuliert. Sich auslöschen zu lassen durch Medizinstudenten. Das war das Resultat seiner Recherche die er begonnen hatte, nachdem er mit der Diagnose konfrontiert worden war: Ein eigenes Body-receiving-Team der Hanoier Medizin-Uni würde ihn abholen, in Formaldehyd lagern, zerlegt würde er dann unter Anleitung eines kundigen Anatomieprofessors, die Rinzelteile verbrannt. Auslöschung.
Aus dem Nichts ins Nichts gehen – und dabei seinem Kolonien bildenden Besatzer, dem Krebs, im Tod doch noch eins auswischen. Die 250$ dafür würde er rechtzeitig überweisen.
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NUR EIN BISSCHEN SPASS
Nigel hatte die ganze Runde motivieren können, und so traf man sich an einem der letzten Tage vor Weihnachten am Flughafen. Die Sommersaison in Ibiza war erfolgreich gewesen, noch besser als in den letzten 10 Jahren. Das sollte gefeiert werden - es galt aber auch nebenbei neue Märkte zu erschließen. Er hatte das Geschäft von seinem Onkel Mike übernommen, der hatte in den 90ern Indiens Goa als Geschäftsbereich für diverse Produkte entdeckt, sich aber nun in Frührente nach Marbeilla in Spanien zurückgezogen, seine Finger lieber im internet, in völlig anderen Branchen.
Leicht verdientes Taschengeld, meinte er. Ab und zu unterstützte er Schritte seines Neffen, welcher bereits der geborene Geschäftsmann und Unternehmer war: Er liebte einfach seine Excel-Listen und die fetten Zahlen, die an ihrem Ende standen. Zum Teil konnte er die Lieferantenkanäle seines Onkels übernehmen, zudem wusste er auf aktuelle Trends im Konsumentenbereich einzugehen. Auch im Vertrieb taten sich neue Wege und Möglichkeiten auf.
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Rick, Pete, Ronny und er wirkten wie Brüder: Ende 20, Fitnesscenter-optimiert, in den gerade angesagten Marken gekleidet, laut, aber auch professionell. und trotz aller Ähnlichkeit war Nigel der Chef, die anderen Jungs seine ‚Bereichsleiter‘, wie er sie nannte.
Schon auf dem Flug nach Hanoi gaben sie ordentlich Gas, die Flasche Whiskey aus dem Duty-Free wurde in den Sitzreihen untereinander geteilt. Der anschließende Inlandflug nach Hoi An war vielversprechend mit ein paar schottischen Mädels bestückt, die Sorte, die alle vier mochten: überdreht und partygeil.
Der High-End-Lifestyle, den sie von ibiza her kannten, war hier zwar nicht zu halten, aber der übers Internet vorab gemietete Bungalow ‚in Strandnähe‘ trotzdem einer der teuersten, immer noch bloß der halbe Preis derer auf den Balearen. Genauso übers Netz waren von Nigel im Vorfeld die coolsten, qualitätsvollsten Restaurants und Bars an der Touristenmeile vor ihrer Haustüre herausgefiltert worden. Nigel konnte das Geschäftliche nie ganz aus den Augen lassen, hatte also seine Top 3 schon selektiert. Er wusste ja aus ibiza, wie leicht es war, Partner vor Ort zu finden, wenn der Bedarf vorhanden war.
Wie aus den Tripadvisor-Kommentaren ersichtlich war die Klientel hier vor allem Engländer und Australier, seine Zielgruppe: hedonistisch, konsumorientiert, bereit, ihr Geld loszuwerden. Noch besser, wenn der Urlaub so billig wie hier war, da hatte man dann extra Dong, um sie gleich hier zu verbrennen. Langusten, Tintenfisch, Ente, gegrillt, sautiert, großzügigst mit exotischen Kräutern gewürzt.
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Und dazu italienische Weißweine, viel billiger als in den Nobelrestaurants in London, in denen Nigel Stammgast war. Dann kam das Päckchen im Amazon-Karton. Aus Spanien. Wunderbar diese moderne Vernetztheit, Türen zu neuen Geschäftsmodellen und Vertriebswegen öffnend. Weihnachten bis Boxing Day, also dem 26.12., waren die vier, englischer Tradition entsprechend, mit Trinken beschäftigt – und trotzdem war auch die berufliche Beziehung der jungen Männer spürbar.
Da gab es zu Weihnachten keine Sentimentalitäten, Geschenke hatte man, wennvüberhaupt bereits zu Hause an Familie und Freunde verteilt. Hier ging es darum, ein weiteres, gemeinsam erfolgreiches Geschäftsjahr zu feiern, ein neues Projekt einzuläuten. Männerbünde, ja, Blutsbrüderschaften wie diese hatten immer eine, sich durch den Whirlpool von Testosteron, Alkohol und physischer Überlegenheit aufbauende Energie die Bulldozern ähnelte. Vor allem in einem Land, in dem vergleichsweise kleinwüchsige und zurückhaltende Menschen leben. Der harte Südlondoner Cockney-Akzent tat sein Übriges als Geschmacksverstärker ihrer Intentionen.
Gleich am Weihnachtsabend gab es eine, sogar mit Flyern beworbene, Party im LaPlage-Beachclub, in diesem ehemaligen Fischerdörfchen, in dem sie ihre Strandvilla hatten, ein auf archaisch mittels Palmwedeldach getrimmter Neubau eines der vielen lokalen Neureichen, die vom Kulturerbestatus Hoi Ans – 1999 verliehen – satt profitieren. Einfache lokale Restaurants waren inzwischen zu Franchises gewachsen, im “morning glory” konnte man zu fast europäischen Preisen Fusionsküche speisen.
Der USP von traditionell beliebten Papierlaternen wurde gefühlt millionenfach im Stadtbild multipliziert, moderner LED-Technik sei Dank. Der historische Stadtkern wurde eine Fußgängerzone, durch die zyklisch Armadas von Fahrradrikschas mit, vor allem, koreanischen Touristen pflügten. Asiatisch gruppendynamisiert in die Polyesterversion historischer Kleidung gesteckt, für einen Tag, Reisstrohhut inklusive. Da war das Touristenghetto von Nigel und den Jungs fast authentischer, wenn auch letztendlich austauschbarer mit Ähnlichem in Thailand oder Bali.
Der Abend im LaPlage begann schon stilvoll mit gegrillter Riesenlanguste und Shrimpsrisotto sowie spanischem Cava, zum Aufwärmen. Man beeindruckte die Kellner mit Großzügigkeit beim Trinkgeld, streckte gleichzeitig die Fühler nach mögliche Vertriebspartnern aus. Diese würden sich erfahrungsgemäß im Personal hinter der Bar finden lassen. Der DJ und seine Clique aus internationalen Aussteigern wurde ebenfalls in kurze erste Gespräche verwickelt und unter der Hand mit Produktproben, Preisangaben und Kontaktdaten versehen. Als die vier sich dann um Mitternacht eine große Schüssel gefüllt mit Eis - und sogar hier teuren -
Wodkaflaschen zur belebten Tanzfläche bestellte, war schon klar, dass Intuition, digitale Feldforschung und unternehmerischer Mut sich lohnen würden.
90er-Jahre-House-Hits und eine mit Coca gehobene bis betrunken abgehobene Partycrowd waren einfach die perfekte Kombination, abgerundet mit lauer Nachtluft, bunt angestrahlten Palmen und dem Rauschen des Meeres im Hintergrund. Stunden später stiegen die glorreichen Vier in Taxis, Nigel mit einem der properen Mädchen vom Herflug im Schlepptau.
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Ein weiteres gutes Omen für Nigels Gespür für Zeit und Ort. Das Feedback der am Weihnachtsabend angetriggerten potentiellen Geschäftspartner trudelte per WhatsApp auf ihrem schon in Hanoi am Flughafen gekauften Mobiltelefon ein. Die Texte waren sehr positiv und bereits erstaunlich professionell in den naheliegend verschlüsselten Aussagen, dass man sich “auf ein geschäftliches Wiedersehen am Silvesterabend” freue. Bingo! Der Inhalt des Amazonpäckchens, um den es eigentlich ging, – der Kaffee und ebenfalls stark duftende Seifen waren nur olfaktorische Ablenkung – wurde jetzt konsumentenfreundlich abgepackt, die Tage bis Silvester ganz nebenbei auch für die Jungs versüßend.
Das vietnamesische Staatsdekret 82/2011/ND-CP bestimmte, dass zur Ausführung der Todesstrafe 1982 namentlich genannte Chemikalien injiziert werden sollen. Eine Aktualisierung zwei Jahre später nennt diese nicht mehr beim Namen, weil der Lieferant aus der EU sie für diesen Zweck nicht mehr exportieren darf. Man holte sich also Know-How von Schweizer Sterbehelfern und neuseeländischen Chemikern. 2018 wurden 115 Menschen in Vietnam exekutiert, das Rechtssystem fällt bei ‚ausreichender Beweislage‘ sofort Todesurteile - ohne lange Verhandlungen, juristische oder politische Interventionsmöglichkeiten. Nigel, Rick, Pete und Ronny hatten in diesen letzten Tagen vor Silvester durch ihre Erstkontakte weitere Interessenten entlang der Küste vermittelt bekommen.
Nigel wusste: das Feld war bestellt, die Ernte der Früchte dieser geübten Anbahnungen hier genauso über Jahre hin garantiert. So wie sie nach den ersten Jahren in London erfolgreich ibiza, Beirut und Dubai mit ihrer Netzwerktechnik erobert hatten.
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Das tumbe schottische Mädchen war inzwischen gegen eine smartere, ebenfalls dralle Norwegerin ‚auf Sabatical‘ ausgetauscht worden. Das garantierte noch mehr Spaß an diesem Silvesterabend, aber auch Assistenz, nachdem es galt, zuerst Ware und daraufhin Kuverts mit mehr als einer Milliarde Dong zu verstauen (Nigel hatten die vielen Nullen der Währung anfangs belustigt). Jedenfalls hatte man ihr am Night Market eine übergroße gefälschte Michael-Kors-Tasche besorgt.
Die Bezahlung wünschte sie in ‚Naturalien‘, diese gierige Göre! eigentlich war alles schon übergeben, kassiert, abgeschlossen und eingesackt, als gegen Mitternacht das Polizei-Sonderkommando über den Strandclub herfiel. Gezielt wurde die Londoner Clique mit ihrer nordischen Geldtransporterin aus der Menge gepickt und gegen die Wand neben der Tanzfläche gestellt. Was zu den nach wie vor pumpenden Housebeats zunächst wie eine Show-Einlage wirkte. Das Gegröhl der inzwischen aufgeputschten Partycrowd kippte aber schnell in Kreischen und hysterisches Flüchten.
Die Wand unter den Palmen war gerade lang genug, um auch Platz zu bieten für die Barkeeper und zwei der Manager, allesamt gezwungen den türkisblauen Verputz breitbeinig stehend anzustarren.
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Sie alle würden nie erfahren, ob das gefälschte Amazonpaket abgefangen und dann als Köder trotzdem zugestellt worden war. Oder ob die heftig trinkende Schottin besoffen den falschen Leuten von Nigel, den Jungs und deren auch sie erfrischenden Postsendung, erzählt hatte. Vielleicht war einer der Barkeeper mit anderen Lieferanten bereits besser im Geschäft und hatte sie verpfiffen? Nigel wäre nie auf die tatsächliche Erklärung gekommen: Sein Onkel Nick war in Spanien nach monatelanger Observierung auf dem Weg zum Postamt mit dem Paket unter dem Arm festgenommen worden.
Der Rest war eine fein abgestimmte Unternehmung internationaler Netzwerke, so wie Nigel sie selbst gerne aufbaute, nur zu anderen Zwecken. Aber das war jetzt alles irrelevant: 1,408kg kaum verschnittenes Kokain – Produktqualität war Nigel immer wichtig – genügte für die ersten 11 Todesurteile in diesem neuen Jahr.
Nachtrag: Onkel Nick war auch die Rettung für die vier Engländer, und zwar nur für diese. Sofern man jahrelange Gefängnisstrafen dem Todesurteil vorzieht. Nachdem der Polizei-Coup in Bezug auf das Quartett in Vietnam von Spanien aus initiiert worden war, konnte erfolgreich ein Auslieferungsantrag gestellt werden.
...zurück in meine Reisererealität:
Der abschließende bewußt gebuchte 15-Stunden-Stopover in Doha/Quatar war 15 Stunden zu lang: Brainwashing in Richtung Fusball-WM 2022, der auf alt getrimmte riesige Bazar-Neubau, mit alten Männern, die Gruppen verschleierter Frauen die Einkäufe in rostigen Schubkarren zum Range Rover in die Tiefgarage fahren.
Die abgerockten Viertel für die „Gastarbeiter“ direkt daneben: doppelt so viele Inder wie die 300.000 Quatari, diese fast gleich an Zahl mit Bangladeshi, Ägyptern und Philipinos.
Die riesigen Imitationen englischer Stararchitekten als blinkende letztendlich uninteressante Phalli am Horizont. Heruntergekühltes, kurzes in-den-Schlaf-Flüchten am Aeroport.
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